Tanzen, so könnte man meinen, hat mit Feiern zu tun, und wer an Feiertagen das Tanzbein schwingt, liege damit nicht völlig daneben. Das ist falsch. Zumindest im Kanton Luzern. Dieser nämlich – Festivitäten sonst nicht abgeneigt – verbietet bisher seinen Einwohnern ausgerechnet an sechs Feiertagen den Tanz. An Karfreitag, Ostersonntag und Pfingstsonntag sind Tanzflächen Sperrzone, ebenso am Buss- und Bettag, an Weihnachten und am Aschermittwoch. Discos und Konzertlokale bleiben geschlossen, in Bars und Clubs können DJs Musik auflegen, doch tanzen darf niemand. Streng genommen, denn ein Sprecher der kantonalen Gastgewerbepolizei räumt ein: «Natürlich ist es nicht auszuschliessen, dass es zuweilen zu spontanem Tanzen kommt.»

Nun aber lockert Luzern die Zügel: Das Kantonsparlament hat vergangene Woche eine Motion gutgeheissen, die eine Abschaffung des Tanzverbots fordert – denkbar knapp mit 51 zu 50 Stimmen. Damit ist der Weg frei, um ein Verbot weiter zurückzudrängen, das im späten Mittelalter in weiten Teilen Europas verbreitet war.

Nur nicht die Kontrolle verlieren

«Die Kirche wollte damals den Körper disziplinieren und den Menschen das Tanzen austreiben», sagt die Berner Tanzexpertin Martina Stofer, die sich intensiv mit Tanzverboten in der Schweiz auseinandergesetzt hat. «Denn ein Mensch, der tanzt, kann in Trance geraten, in einen Zustand, in dem er nicht mehr kontrollierbar ist», so Stofer zur Überlegung, die hinter der Machtdemonstration des Klerus stand.

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Die Kirche verbannte den Tanz aus der Religion – und die weltliche Obrigkeit versuchte ihn völlig aus der Welt zu schaffen. Der reformierte Kanton Bern etwa sprach 1573 ein absolutes Tanzverbot aus. Ohne Erfolg. Juckte die Berner das Tanzbein, zogen sie auf die Tanzböden ennet der Kantonsgrenze – ironischerweise nach Luzern, wo der Tanz, wie bis heute, nur an hohen Feiertagen verboten war. An Tanzveranstaltungen ging es damals deftig zu und her, weiss Martina Stofer: «Die Katholiken liessen das zu – ausser an Feiertagen. Dann sollte das Volk demütig sein, um nicht den Zorn Gottes auf sich zu ziehen.»

Heute sind Tanzverbote eine rein katholische Angelegenheit. Noch sind das Baselbiet, Uri, Obwalden und Solothurn an Feiertagen tanzfrei, Appenzell Innerrhoden gar die ganze Karwoche – ein Versuch, das Tanzverbot auf Karfreitag zu beschränken, scheiterte im Februar im Parlament. Wobei das nichts heissen will: Auch Luzern brauchte drei Anläufe, um das Verbot aus dem Gesetz zu kippen. Ob der Durchbruch auch dank Yvonne Schärli gelang, der Justizministerin mit Tanzlehrerinnendiplom? Schärli winkt ab: «Ich glaube nicht, dass sich das Parlament von meinen Ballettkünsten beeindrucken liess.»

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