Es braucht Mut, einer fremden Kuh nächtens die Glocke auszuziehen. Zumal einer Eringer. Der Kopf ist breit, die Augen sind finster, das Fell ist tiefschwarz. Majestätisch trägt sie ihre Hörner zur Schau. Selbst die Milchkühe dieser robusten Bergrasse sehen aus wie streitsüchtige Stiere. Und sie sind nicht eben für Zimperlichkeit bekannt.

In archaischen und epischen Kämpfen feiern die Walliser im Frühjahr ihre stolzen Urviecher. Tatsächlich machen die Eringer dabei ihre Rangordnung aus. Dank diesem «Hornu», dem Kampfgeist, habe die Eringerkuh überlebt, so die Legende – trotz geringer Milchleistung.

Das vermochte zwei Albaner, 17 und 24 Jahre alt, nicht zu beeindrucken. In einer lauen Nacht schlichen sie vom Aostatal über das Fenêtre de Ferret ins Unterwallis, um auf der Alp Plan La Chaux im Val Ferret Kuhglocken zu klauen. Weit kamen sie mit der scheppernden Beute allerdings nicht. Die Glocken wiegen sechs Kilo pro Stück. Die Halunken benötigten mehrere Nächte, bis sie das Diebesgut über den Pass geschafft hatten.

Keine Glocke? Fremder Fötzel!
Die Walliser Kuhbauern vermissten nicht nur die Glocken – rund 600 Franken kostet eine «Sonette». Sie fühlten sich auch eines Teils ihrer kulturellen Identität beraubt. Zudem waren sie stocksauer, weil sie wegen der fehlenden Schellen alle Hände voll zu tun hatten.

«Beinah haben die Diebe alles durcheinander gebracht», zetert Kuhzüchter Jacques Pralong, der die Sommeralp im Val Ferret führt. Eine Horde kampfeslustiger Rinder ist ein fragiles Gefüge. 120 Stück Vieh von 15 verschiedenen Besitzern hütet Pralong Jahr für Jahr auf Plan de Chaux.

Die Diebe konnten zwei Tage nach der Tat verhaftet werden. Da hatten die beiden Albaner, auf der italienischen Seite als Kuhhirten beschäftigt, einen Teil der Beute bereits in Brocantegeschäften verscherbelt.

Rasch waren die Glocken wieder am richtigen Ort. «Zum Glück», sagt Pralong. Die bestohlenen Kühe mussten tagelang im Stall bleiben. Erst als sie ihre Glocken wieder hatten, hätten sie wieder auf die Weide gedurft, erzählt er.

«Zu jeder Kuh gehört eine Glocke», erklärt Pralong. «Sie erkennen sich am Klang.» Klar: Eine Eringer ohne Glocke, das kann nur eine Fremde sein. Und mit einer fremden Kuh wird gern gerangelt. «Gegenüber Menschen aber», so Pralong, «sind die Eringer zahm und anhänglich wie Hunde.»

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