«Natur passiert auch in der Stadt» - diesen schönen Satz findet man auf der Website der Stadt St. Gallen unter der Rubrik «Fachstelle Umwelt und Energie». Und weiter heisst es daselbst: «Die Stadt birgt eine erstaunlich grosse Artenvielfalt und bietet Nischen für viele Pflanzen und Tiere.» Wissen eigentlich die Website-Autoren, wie recht sie damit haben?

Eine Pflanzennische der besonderen Art scheint sich nämlich jemand in der näheren Umgebung der Torstrasse geschaffen zu haben. Immer wieder soll es dort nach Hanf riechen. Was ist die Quelle? Ein kurzes Telefongespräch mit einem Anwohner der Torstrasse bringt zwar interessante Informationen - aber nicht zum gewünschten Thema. «Ganz ehrlich», versichert der offensichtlich einem Missverständnis erlegene Anwohner, «ich habe schon seit Jahren mit dem Zeug aufgehört.» Aha, man sei nicht von der Polizei.

«Keine Pflanze riecht ähnlich»
Die Recherche vor Ort zeigt: Ja, es riecht! Da, wo die Torstrasse leicht ansteigt hin zur Kreuzung mit der Museumsstrasse. Eindeutig Hanfgeruch, sogar an einem regnerischen Märztag. Ein Passant in roter Jacke will den Geruch sogar im Auto wahrgenommen haben. Eine Geschäftsinhaberin hat «einen komischen Gestank» wahrgenommen und musste von der Polizei über die wahre Natur des Geruchs aufgeklärt werden. Ein Ladenangestellter scheint besser Bescheid zu wissen. Er habe schon junge Leute beobachtet, die in den Büschen herumgestochert hätten. Einen Rat für die Polizei hat er auch: «Die brauchen doch bloss zu gucken, wer im Quartier eine hohe Stromrechnung hat.» Hintergrund des gutgemeinten Tipps: Indoor-Hanfplantagen verbrauchen wegen der starken Lampen viel Strom. Tatsächlich ist dank Informationen von Elektrizitätswerken schon manche Plantage ausgehoben worden.

Auch ein Anruf bei der Stadtgärtnerei bringt keine Klärung. «Nein», sagt Christoph Bücheler, Leiter des St. Galler Gartenbauamts, «es gibt keine Pflanze, die ähnlich riecht wie Cannabis.» Er werde der Sache aber nachgehen. Die Polizei hingegen scheint mit ihrem Latein am Ende zu sein. «Wir stehen vor einem Rätsel», sagt Polizeisprecher Hans Peter Eugster. Untersuchungen vor Ort, auch mit Drogenspürhunden - Anwohner berichten sogar von Hausdurchsuchungen -, hätten nichts ergeben. Die beste Erklärung scheinen, visionär, immer noch die Website-Autoren zu haben: «Natur passiert auch in der Stadt.»

Anzeige