Auf Zurufe reagiert er nicht. Auch das wildeste Vogelgezwitscher vermag seine Ohren nicht aufzurichten. Gris-Gris ist taub. Der einjährige Kater lauscht unentwegt nach innen.

Man kennt die meditative Neigung des Katzengeschlechts. Nun – der gehörlose Gris-Gris, rechtes Auge blau, linkes gelb, begnügt sich nicht damit. Unbeeindruckt von hupenden Autos und quietschenden Bussen verlässt er den heimischen Garten und tummelt sich auf dem Bahnhofareal von Zug.

Samstag, 30. April, 0.42 Uhr. Ein Securitrans-Angestellter meldet auf der Wache der Luzerner Stadtpolizei eine zugelaufene Katze. Sie muss die Bahn in Zürich um 23.35 Uhr bestiegen haben; wie sie dorthin gelangt war, bleibt ihr Geheimnis. Dank den Angaben am Halsband kann die Halterin benachrichtigt werden.

Zwei Wochen später wird das Tier erneut vermisst. Das riecht nach Reisefieber – und weckt einen schmerzhaften Verdacht: Das Feld der Neugier könnte sich schlagartig vergrössert haben.

«Katzen sind rätselhafte Wesen», sagt die Verhaltensforscherin Rosemarie Schär aus Reiden: «Ihr Orientierungssinn ist legendär. Doch in der Regel ist das Bahnnetz darin nicht einbezogen.»

«Bekannt wie ein bunter Hund»

Am 20. Mai steht in der Pendlerzeitung «20 Minuten»: «Gris-Gris fährt ganz allein mit Bus, Zug oder Taxi durch die Gegend. Die Katze ist bei Lokführern, Bus- und Taxichauffeuren bekannt wie ein bunter Hund.»

Schilderte die Halterin ihre Not vielleicht etwas zu bunt? Nachfragen bei den Zugerland-Verkehrsbetrieben, den Taxiunternehmen der Stadt und bei den SBB ergeben ausnahmslos: Den Betreibern der öffentlichen Verkehrsmittel ist keine schwarzfahrende Katze bekannt – blau-gelbe Augen hin oder her.

Esther Sager, Mentaltrainerin aus Tennwil, erklärt: «Das Vermissen eines geliebten Wesens bewegt die Fantasie. Oft kreisen die Gedanken um das Schlimmste. Die Fantasien können sich durchaus verselbstständigen.»

Offensichtlich bleiben auch die Medien nicht von diesem Phänomen verschont. Das Lokalfernsehen und die «Schweizer Familie» berichteten ebenfalls vom reiseroutinierten Kater.

Gris-Gris, der Medienstar? Vor allem war die abenteuerliche Geschichte wohl dies: eine Gratis-Vermisstenanzeige. Das Büsi wurde schliesslich mit gebrochenem Bein in einer Baarer Waschküche gefunden. Drei Kilometer von Zug entfernt.

Quelle: Simone Broder
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