«Bloss weg hier!» Als hätte ich nicht schon genug Aufregung gehabt, wurde ich auch noch in meinem Versteck aufgeschreckt. Ursache der Störung war ein Mensch, der über unser Zusammentreffen wohl ebenso erschrak wie ich und bei meinem Anblick schleunigst das Zimmer verliess. An Flucht meinerseits war nicht zu denken: Fenster und Tür waren verschlossen.

Ich war aus einem Terrarium entwichen und hatte mich im Zürcher Stadtquartier Wipkingen durchschlängeln müssen. Diese Gegend hat so gar keine Ähnlichkeit mit meinen heimatlichen Gefilden, den Wüsten von Texas bis Zentralmexiko. Ständig musste ich auf der Hut sein vor Autos, Kindern, Katzen – den Gefahren einer Stadt eben.

Als sich auch noch ein Sturm ankündigte, blieb mir nichts anderes übrig, als eine Hauswand hochzukriechen und mir in einer Wohnung im ersten Stock ein warmes, trockenes Plätzchen zu suchen. Als Wüstenbewohnerin kann ich Wasser und Kälte nicht allzu viel abgewinnen. Gut getarnt durch einen Haufen Kabel, rollte ich meine 85 Zentimeter Körperlänge in einer Ecke des Zimmers zusammen und nahm ein wohlverdientes Nickerchen. Bis mich eben jene Zweibeinerin aufweckte.

«Frohsinn» statt Wüste Chihuahua
Plötzlich kam die Frau erneut ins Zimmer, nun in Begleitung von drei weiteren Personen und mit Bergschuhen bewehrt. Zu viert versuchten sie eher unbeholfen, mich einzufangen. Der langen Rede kurzer und schmählicher Sinn: Sie schafften es und übergaben mich nicht ohne Stolz einem Schlangenexperten der Polizei. Der Polizist taufte mich Glubschi – wohl wegen meiner grossen Augen. Wieso er Christian Marogg heisst, konnte ich nicht herausfinden.

Bald hiess es umziehen. Marogg hatte für mich ein Plätzchen gefunden, das ihm geeigneter schien als sein eigenes Zuhause. Es ist zwar nicht die Wüste von Chihuahua, aber trotzdem ganz akzeptabel: eine Dreizimmerwohnung in einem Wohn- und Geschäftshaus namens «Frohsinn». Dort lebe ich jetzt zusammen mit 160 Erwachsenen und 140 Kindern. Als ungiftiges Reptil der Gattung Bogertophis subocularis oder Transpecos-Rattennatter gehöre ich einer Minderheit an, die meisten meiner Mitbewohner haben Giftzähne.

Trotzdem gefällt es mir sehr gut im «Frohsinn»: Roger Aeberhard, mein neuer Mensch, sorgt gut für mich. Und er trägt es mir nicht nach, wenn ich mal nach ihm schnappe. Was ich kaum je mache. Ehrlich.