Es begann in Bern im Sommer 1976, «natürlich und unspektakulär», wie ein Berner Chronist im Rückblick bemerkt. «Ein paar Frauen setzten sich über bisher gültige Konventionen hinweg und verzichteten aufs Oberteil.» Einige aus Freude am freien Sonnenbaden und an nahtloser Bräune, andere als Zeichen der Gleichberechtigung, wieder andere den Männern zuliebe.

Bald bekam die Zürcher Boulevardpresse Wind davon, und das Berner Marzilibad geriet wegen der freizügigen Frauen in die Schlagzeilen. «Es war eine Art Bewegung. Es hatte wohl auch mit der Emanzipation zu tun», erklärt Peter Hager, seit 1977 Anlagechef im beliebtesten Berner Flussbad unterhalb des Bundeshauses. Heute sei Oben-ohne-Baden «eindeutig rückläufig», sagt er. Jene, die es noch täten, seien wohl vor allem Frauen von damals.

Über die Gründe, weshalb heute junge Frauen Sonnenbaden im Monokini ablehnen, wird oft gerätselt. «Vielleicht wegen der Krebskampagnen?», mutmasst Bademeister Hager. Oder ist die penetrante Sexualisierung von Medien und Werbung schuld? Scheut Frau den Vergleich mit den Werbe-Ikonen, die mit Tricks und Entbehrungen am «perfekten» Körper basteln? Oder ist Frau einfach wieder prüde geworden?

Antworten aus Frankreich
Die Antwort weiss - natürlich - ein Mann, nein: ein Franzose. Jean-Claude Kaufmann hat an französischen Stränden 300 Interviews mit Frauen und Männern geführt und die Verhaltensnormen des Oben-ohne erforscht. Sein Fazit: Wenn am Strand die Hüllen fallen, lässt die Zivilisation keineswegs die Zügel schleifen, sondern hält ihre Kinder ganz besonders fest im Zaum. «Wie kann man sich erklären, dass ein nackter Busen anderswo ein erotisches Objekt ist, nicht aber - zumindest theoretisch - am Strand?», fragt er. Das unsichtbare Korsett von Scham- und Peinlichkeitsschwellen sei nirgendwo so eng geschnürt wie am Strand, schreibt Kaufmann in seiner Soziologie des Oben-ohne, «Frauenkörper - Männerblicke».

BMW - Busen müssen wackeln, behauptet ein Bonmot. Eben nicht! «Ein Busen muss stillhalten und fest bleiben», weiss Kaufmann. Wahrscheinlich war die Befreiung vom Bikinioberteil nur ein vermeintlicher Schritt zur badetechnischen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Denn offenbar ist das Nichttragen dieses kleinen Stücks Stoff namens Oberteil weitaus komplexer, als Frau Ende der siebziger Jahre vermutet hat.