Früher musste die Landesregierung Arbeitswütige noch zurückbinden: Müller und Lagerhausmitarbeiter dürfen keine Säcke tragen, die mehr als 100 Kilogramm schwer sind, verordnete der Bundesrat 1903 in einem «Beschluss betreffend Verbot des Tragens von 125-kg-Säcken».

102 Jahre später hebt der Bundesrat die Traglimite auf: Das Verbot sei «gegenstandslos» geworden, schreibt er in einer Antwort auf eine Anfrage von CVP-Ständerat Philipp Stähelin.

Heisst das nun, dass wir nach Belieben 100-, 200- oder 300-Kilogramm-Säcke schleppen sollen, ohne Rücksicht auf die Gesundheit? «Nein», sagt Dieter Schmitter, Ergonom bei der Suva. Doch eine klare Hebelimite ist ihm nicht zu entlocken. «Der Arbeitgeber muss erstens geeignete Arbeitsmittel zur Verfügung stellen, wenn schwere Lasten gehoben werden», erklärt er. «Zweitens muss er die Arbeitnehmer schulen, wie man schwere Lasten am schonendsten hebt und trägt. Und drittens hat er sie über die Gesundheitsgefahren zu informieren.» Als Orientierungshilfe haben Suva und Seco Richtwerttabellen für zumutbare Lastgewichte veröffentlicht.

«125 Kilo sind ein bisschen viel»
Und da kommen endlich die knackigen Zahlen: 20- bis 35-jährige Männer dürfen zum Beispiel 25 Kilogramm heben, Frauen gleichen Alters 15 Kilogramm. Diese Angaben beziehen sich aber nur auf gesunde Durchschnittsmenschen und auf gelegentliches Heben, das heisst rund zweimal pro Stunde.

Vorbei also die Schweiz der kraftstrotzenden Müller, der arbeitswütigen Lagerhausmitarbeiter, denen man bei Gewichten über 100 Kilogramm eins auf die Finger geben musste? «Die Richtwerte sind deshalb so tief, weil nicht alle wissen, wie man körperschonend tragen muss», sagt der Suva-Gewichtsexperte. «Mit korrekter Körperhaltung und gut trainierter Muskulatur kann man ohne Risiko schwerere Lasten tragen, vorausgesetzt, man hat keine Rücken- oder Knieprobleme oder andere Beschwerden. Aber 125 Kilogramm sind auch dann ein bisschen viel.»

Auch der Bundesrat hat begriffen, wie man Lasten abwirft: Seit Anfang 2005 kann Gesetzesballast in einem vereinfachten Verfahren beseitigt werden. Nun steht bereits die nächste Erleichterung an: Ständerat Stähelin hat den Bundesrat angefragt, ob er nicht auch das «Bundesgesetz über die Gewichtsbezeichnung an schweren, zur Verschiffung bestimmten Frachtstücken» aufheben wolle.