Da liegt sie, ihre 1,6 Meter Körperlänge dicht zusammengerollt. «Lassen Sie sie nicht fallen – auch wenn sie zubeisst! Sie könnte sich beim Sturz die Rippen brechen», mahnt Biologielehrer Albert Guntli. Der lebende Knäuel ist ein Königspython und der heimliche Star an der Kantonsschule Heerbrugg SG. Seit bald 30 Jahren schiebt die Riesenschlange anstandslos ihren Dienst als lebendes Anschauungsobjekt. Jetzt wäre ihre Schulkarriere wegen Mäusemangels um ein Haar vorzeitig zu Ende gegangen.

Alle zwei Wochen steht dem Python nämlich der Sinn nach ein paar Mäusen, genauer, nach weissen Labormäusen. Denn nur Labormäuse lassen sich mit der nötigen Bereitwilligkeit verspeisen: Jahrzehntelange Züchtung hat ihnen das Wissen um ihre natürlichen Feinde ausgetrieben. Leider aber kosten die Mäuse ein paar Mäuse. 300 bis 400 Franken muss die Kantonsschule Heerbrugg jährlich für die Leibspeise ihres Hauspythons lockermachen.

Die Schlange ist keine heilige Kuh


Eigentlich kein riesiger Betrag. Doch Rektor Hannes Kampfer und Verwalter Paul Bruggmann befinden sich im Würgegriff der vom St. Galler Parlament vorgegebenen Sparmassnahmen. «Die Schülerzahl hat in den letzten Jahren um 25 Prozent zugenommen. Der Betrag, den ich für Sachausgaben wie Strom, Wasser oder Heizung zur Verfügung habe, ist immer gleich geblieben. Seit Jahren bin ich jetzt am Sparen. Da kann es keine heiligen Kühe beziehungsweise Schlangen mehr geben», sagt Kampfer.

«Bei der Zoohandlung erkundigten wir uns nach der Möglichkeit, die Schlange zurückzugeben», sagt Rektor Kampfer. Das Fachgeschäft hatte der Kantonsschule das Tier damals geschenkt – verbunden mit der Auflage, dass die Schule die Futtermäuse bei ihr kauft. Als die Lokalzeitung von der Sache Wind bekam, schrieb sie einen geharnischten Kommentar, in dem von «Sparwut» die Rede war. Ein ungerechtfertigter Vorwurf, meint Kampfer. «Wir hatten uns längst entschlossen, die Schlange zu behalten.» Inzwischen hat sich ein Spender gefunden, der die Futterkosten zwei Jahre lang übernimmt.

Für leichte finanzielle Entspannung sorgt zurzeit der Python selbst. Jeweils im Frühjahr unterzieht sich das Tier einer rund zwei Monate dauernden Fastenkur. Nicht etwa weil es ein Einsehen in die Nöte von Rektor und Verwalter gehabt hätte. Regelmässige Fastenperioden sind ein Wesensmerkmal seiner Art.

Quelle: Archiv