Recycling: Die meisten werden bei diesem Wort an Papier denken. Oder an Glas. Die wenigsten aber an - Gräber. Nicht so Meinrad Huber. Zehn Jahre ist es her, seit er die Idee mit dem «Gräber-Recycling» hatte. Auf Zürichs Friedhöfen stehen mehrere Grabanlagen mit historischen Grabmälern unter Denkmalschutz. Die Stadt muss dafür sorgen, dass sie nicht einfach verfallen. Das geht ins Geld. Genau dieses Problem löste Meinrad Huber, Sachverständiger für Grabmäler, mit seiner Idee.

Nie blühte die Friedhofskunst üppiger als in der späten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Eröffnung des Gotthardtunnels machte den einstmals teuren Marmor erschwinglich: Die Bahn konnte danach grosse Marmorblöcke aus dem italienischen Carrara einfach nach Zürich transportieren. Wer es zu etwas gebracht hatte, entschied sich für monumentale Grabmäler. «Vom Engel zum Obelisk, wir haben alles im Angebot», sagt Huber. Die meisten Mietgräber eignen sich für Sargbestattungen; für Urnen stehen nur ganze Familiengräber zur Miete.


Ein gutes Geschäft für die Stadt

Die Preise für ein «Recycling-Grab» sind abhängig von der Fläche: Die Miete liegt jeweils zwischen 30 und 50 Franken pro Quadratmeter und Jahr, je nach Friedhofslage. Bezahlt wird sie im Voraus. «Die grossen Gräber mit einer Fläche von 50 Quadratmetern gehen schlecht weg», erklärt Huber. Die «nutzungsberechtigte Person», wie es im offiziellen Informationsblatt der Stadt Zürich heisst, übernehme die Verpflichtung, das Grabmal auf eigene Kosten zu restaurieren und instand zu halten - sprich: Dazu verpflichtet sind schliesslich die Erben.

Immerhin: Rund 1,4 Millionen Franken spült die Grabvermietung jährlich in Zürichs Stadtkasse. Damit ist Huber zufrieden. Um die Nachfrage anzukurbeln, schaltet er im Winter Inserate in den Zürcher Tageszeitungen. Nie im Sommer. In der warmen Jahreszeit würden die Inserate wohl auf weniger Echo stossen, vermutet Huber. «Im Sommer denken die Leute eher ans Baden als an Gräber.»
Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein langwieriger Prozess. Huber: «Wer sich frühzeitig mit dem eigenen Ableben auseinandersetzt, ist viel ruhiger, wenn es dann so weit ist. Es kann doch eine beruhigende Sache sein, wenn man weiss, wohin die letzte Reise geht.»

Bei der Reise, so viel sei noch angemerkt, handelt es sich wirklich um die letzte. Die maximale Mietdauer für die historischen Grabstätten beträgt 50 Jahre. Dann kann eine neue «nutzungsberechtigte Person» den Platz einnehmen. Die sterblichen Überreste des Vormieters aber dürfen bleiben. Wie Huber versichert, wird Graberde grundsätzlich nie abgetragen.

Quelle: Markus Forte
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