Das Phänomen verwirrt: Da gibt es doch tatsächlich Leute, die zwar Lotto spielen und damit wohl auch die Hoffnung auf leicht verdientes Geld verbinden. Doch den Gewinn streichen sie nicht ein. Eine Person verzichtet sogar darauf, Millionär zu werden.

Dabei ist die Affinität der Schweizer zum Geld doch von alters her bekannt. Im Mittelalter riskierten Landsknechte Kopf und Kragen für fremde Mächte - vorausgesetzt, es winkte eine fürstliche Belohnung. Im 18. Jahrhundert notierte Voltaire: «Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen.» In Sachen Geschäftstüchtigkeit machen noch heute die Chefs von CS und UBS, Oswald Grübel und Marcel Ospel, ihren historischen Vorgängern alle Ehre.

Ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung folgt der gesellschaftlichen Elite - und spielt Lotto. «Sind zehn bis zwölf Millionen Franken im Jackpot, beteiligt sich etwa die Hälfte der Bevölkerung», erklärt Swisslos-Sprecherin Regula Huber-Süess. Winken nur kleine Gewinne, füllen rund 13 Prozent Lottozettel aus. Bisher hat das Schweizer Zahlenlotto rund 440 Millionäre produziert.

Des Rätsels Lösung Swisslos betrügt die Gewinnverweigerer nicht um ihr Geld. Der Minderheit, die via Internet Lotto spielt, schreibt die Firma den Gewinn sofort gut. Die grosse Mehrheit aber bleibt anonym, denn auf den Lottozetteln sind Personalien und Adresse nicht vermerkt. Nach erfolgter Ziehung haben die Gewinner noch ein halbes Jahr Zeit, sich zu melden.

Sonst fliesst das Geld in den Lotteriefonds. Und da könnte der Schlüssel für das Verhalten der Geldverächter liegen. Denn noch höher als den Mammon stufen gewisse Leute ihre Hobbys ein. Angenommen, die Gewinner sind Hündeler, Verehrer alter Raddampfer oder angefressene Schützen, verzichten sie leichten Herzens auf das Geld. Denn Beiträge des Lotteriefonds fliessen zum Beispiel in ein Filmprojekt über den Appenzeller Sennenhund, in die Restaurierung des Thunersee-Raddampfers «Blüemlisalp» und in den 300-Meter-Schiessstand Wittenbach SG - mit Gamsscheibe, laufendem Keiler und Tontauben. Wer auf seinen Gewinn verzichtet, kann also sicher sein, dass das Geld ins Hobby investiert wird - und muss dies nicht einmal vor der Familie rechtfertigen.

Quelle: SF
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