Polizei und Lebensmittelinspektorat machten das Restaurant sofort dicht. Zu unverfroren war die Tat, selbst für die abgebrühten Lebensmittelinspektoren. Die Medien verurteilten den betrügerischen Wirt und verteidigten ausnahmslos die ahnungslosen, übertölpelten Konsumenten. Fall abgehakt.

Abgehakt? Der Fall riecht nach mehr. Warum merkten die Gäste nicht, dass ihnen der Beizer eine kulinarische Mogelpackung servierte?

Starkoch Jacky Donatz vom Zürcher Restaurant Sonnenberg, bekannt für sein «Kalbskotelett Jacky», ist überzeugt: «Ein Gourmet merkt den Unterschied zwischen Kalb- und Schweinefleisch.» Das glauben wir gern. Seine Gäste haben feine Nasenflügel und allerfeinste Gaumensegel.

Wie aber ist es denn mit unsereins bestellt, die wir nur essen wollen und nicht über hochsensible Geschmacksantennen verfügen? Können wir denn ein Schweins-Saltimbocca von einem Kalbs-Saltimbocca unterscheiden?

Das ist die falsche Frage. Lauscht man jedenfalls den Ausführungen des Meisterkochs, ist nicht der Gast das Problem, sondern das Fleisch auf dem Teller. Weil Schweinefleisch mehr Fett hat, schmeckt es saftiger als Kalbfleisch. Vorausgesetzt, es handelt sich dabei um Frischfleisch.

Das Schweinische verschwindet

Doch unsere Speiselokale, sofern sie diese alte schöne Bezeichnung überhaupt noch verdienen, würden nur allzu oft aufgetautes Fleisch servieren, das erst noch von hochgezüchteten Schweinen stamme, beklagt Donatz. Und der «aktuelle Trend zu magerem Fleisch» führe zusätzlich dazu, dass es mit der Saftigkeit des Schweinefleisches nicht mehr weit her sei, teilt das Zürcher Lebensmittellabor mit. So sei auch der so genannte «Ebergeruch», der dem Fleisch männlicher Schweine anhaftende urinöse Geschmack, «beseitigt» worden. Gerade das typisch Schweinische wird also unseren Mastschweinen weggemacht. Was Wunder, können wir das Schweinsschnitzel, das nicht mehr nach Schwein schmeckt, kaum mehr von einem Kalbsschnitzel unterscheiden. Das ist der traurige Skandal.

Natürlich gehört der Beizer bestraft: Der Schlaumeier hat seine Gäste betrogen. Doch er hat uns gleichzeitig einen Spiegel vorgehalten. Daran sollte denken, wer das nächste Mal ein Cordon bleu vom Schwein isst. Und dem Wirt vielleicht leise danken für die Lektion, die er uns – wohl unabsichtlich – erteilt hat.

Quelle: Agentur Baumann
Anzeige