Halsbrecherische Achterbahnfahrten können ins Auge gehen – auch im positiven Sinn. Über einen abenteuerlichen Vorfall berichtet ein dreiköpfiges Team der Augenklinik des Universitätsspitals Zürich. Nach Fahrten mit dem Silver Star im Europa-Park Rust schaute ein 19-jähriger Patient in den Spiegel und traute seinen Augen nicht: Die verschobene Kunstlinse, die in den folgenden Tagen hätte neu platziert werden sollen, war zurückgerutscht. Der Silver Star machte das Skalpell überflüssig – und das für einen Preis von 25 Euro für die Tageskarte.

Dieses beispiellose Ereignis fand sogar Aufnahme ins «New England Journal of Medicine», eine der international renommiertesten Fachzeitschriften. «Allerdings darf daraus nicht der Schluss gezogen werden, das Zürcher Ärzteteam verschreibe künftig bei ähnlichen Komplikationen eine Fahrt mit der Achterbahn als rasante und kostengünstige Heilmethode», betont Koautor Michael A. Thiel. «Es handelt sich um eine Fallbeschreibung und Einzelbeobachtung. Einen direkten Nutzen kann man daraus nicht ziehen.» Dafür liefert dieser ausserordentliche Vorfall Stoff für eine kleine Lektion in Physik.

Der Erdanziehungskraft sei Dank
Der auf wundersame Weise genesene Glückspilz galt in seiner Kindheit als Pechvogel: Mit acht Jahren erkrankte er nach einem Unfall am grauen Star. Diese Trübung der Augenlinse bildet sich in der Regel erst im höheren Alter. In einer Routineoperation wurde dem Knaben eine künstliche Linse eingesetzt. Jahre später kam sie durch einen Schlag aufs Auge vor die Iris zu liegen. Um die reduzierte Sehkraft wieder herzustellen und Komplikationen vorzubeugen, wollten sie die Ärzte operativ wieder an den richtigen Ort rücken.

Drei Mal hatte sich der junge Mann zu einer Fahrt mit Europas grösster und höchster Achterbahn hinreissen lassen. Mit dem 16-Tonnen-Gefährt brauste er auf eine Höhe von 73 Metern und liess sich dann mit einer Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde in die Tiefe fallen. Dabei wirkte die vierfache Erdanziehungskraft auf ihn ein; in einem Spaceshuttle ist es die Hälfte.

Das Schweizer Bauingenieurbüro Bolliger & Mabillard aus Monthey, das für die Stahlkonstruktion verantwortlich zeichnet, freut sich über den therapeutischen Glücksfall. Einen Ansturm von Erkrankten brauche der Europa-Park Rust aber nicht zu befürchten, schmunzelt Ingenieur Walter Bolliger: «Achterbahnen sind dazu konzipiert, ungewöhnliche Empfindungen zu vermitteln und Spass zu bereiten.»

Ganz abgesehen davon, dass für eine solche Therapieform die Zielgruppe fehlte: Am grauen Star Erkrankte mit «dislozierten Kunstlinsen» sind in der Regel über 70 Jahre alt – und neigen zu Bodenhaftung.

Anzeige