Zürich-Seebach mit seinen 19000 Einwohnern hat keinen klangvollen Namen. Doch es hat einige hervorgebracht: Im Norden der Limmatstadt wurde der Schauspieler Bruno Ganz geboren; hier leben Rad-Silbermedaillengewinner Franco Marvulli sowie der Maler und «Oscar»-Preisträger Hansruedi Giger. Aber Zürich-Seebach hat keine Weihnachtsbeleuchtung und seit der Gründung keinen einzigen Ort, der je als «Platz» benannt worden wäre.

Das sollte sich ändern. 2003 gelangte Quartiervereinspräsident Hansruedi Gasser an die Strassen- und Wegbenennungskommission der Stadt: Die ungefähre Mitte dieses ausgedehnten Quartiers sei neu «Seebacherplatz» zu benennen, lautete sein Begehren. Seebacherplatz? Seebacher Platz?

Alles Neue schafft neue Probleme. In Seebach stellte sich unter anderem die Frage: Wie werden Dinge geschrieben, die es bis anhin nicht gab? Wie wird Altvertrautes neu geschrieben? Ab wann? Und mit wessen Segen?

Die freie Wahl der Bindestriche


Das Regelwerk der deutschen Sprache, das der Gymnasiallehrer Konrad Duden schuf, hat seit seiner Entstehung 1880 die verschiedensten Neuerungen erfahren. Die Stadt Zürich ihrerseits pflegte stets die Vielfalt. «Rudolf Brun-Brücke»; «Rudolf-Brun Brücke»; «Rudolf-Brun-Brücke»: Mit gleich drei Varianten präsentierte sich die alte Limmatbrücke während Jahren. Erst allgemeines Gelächter brachte die Regierung dazu, sich offen zu Duden zu bekennen. Das war im Jahr 2000. «Rudolf-Brun-Brücke»!

Was die Politiker nicht wussten: Die volle Strenge des Gebots hätte sie gezwungen, eine Vielzahl von Strassen und Plätzen neu zu beschriften: Statt Tessinerplatz neu Tessiner Platz, statt Schaffhauserplatz Schaffhauser Platz und so weiter. Es kam nicht dazu. Dank ihrem Nichtwissen. Das Problem hat sich nun aber gelöst. Die 23. Auflage des Duden («mit 5000 neuen Wörtern») hält feierlich fest: «In der Schweiz werden Strassennamen, die die Ableitung eines geografischen Namens auf ‹-er› enthalten, gewöhnlich zusammengeschrieben» – anders als in Deutschland.

In Seebach wartet die Endschlaufe des 14er-Trams. Das Quartier hat keinen Markt und kein Kino. Aber eine korrekte Schreibweise. Das Gebiet zwischen Kirche und Migros geniesst als erster Platz Zürichs von Anfang an die ausdrückliche Ausnahmeregelung des grossen Duden.

Ob er dem Quartier endlich auch ein Zentrum schenkt?

Quelle: Gian Vaitl