Kuh Fabienne trottet auf der rechten Fahrspur, kurz nach der Autobahnraststätte bei Neuenkirch LU, auf Familie Widmer zu. Geistesgegenwärtig schneidet André Widmer dem Tier den Weg ab und drängt es zum Strassenbord. Dunja Widmer steigt aus, um die Kuh von der Fahrbahn fernzuhalten. Derweil stellt Vater Widmer das Auto mit den drei Kindern an Bord in sicherer Entfernung ab.

Am Abend zuvor war Fabienne zusammen mit zwei Artgenossinnen aus einem nahegelegenen Freilaufstall ausgebüxt. Die Tiere übersprangen eine ein Meter zwanzig hohe Mauer – so hoch springt ein Rindvieh eigentlich nur, wenn es zu Tode erschrickt. Die Bauernfamilie fängt zwei der Ausreisserinnen noch am selben Abend wieder ein, Fabienne aber verschwindet in der Dunkelheit. Nach einer Nacht in Freiheit ist die trächtige Kuh am nächsten Morgen völlig ausser sich. Der Bauernsohn, der sie in einem nahen Wäldchen entdeckt hat, kann das Tier nicht mehr bändigen.

Wie die Kuh an diesem Sonntagmorgen auf die Autobahn gelangen kann, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Die Polizei kontrolliert später den Wildzaun, stösst aber nirgendwo auf ein Loch. Auch bei der nahegelegenen Raststätte finden sich keine Spuren der widerspenstigen Wiederkäuerin: keine abgerupften Pflanzen, keine Hufabdrücke, kein Kuhfladen.

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Fabienne greift ihren Retter an

Wie auch immer: Es kommt zum Showdown auf dem Pannenstreifen. Nachdem André Widmer sein Auto parkiert hat, hilft er seiner Frau, die wilde Kuh zu bändigen. Um sie zu beruhigen, redet er mit ihr. Doch Fabienne senkt plötzlich den Kopf, nimmt Anlauf und schleudert Widmer über die Leitplanke. Doch so leicht lässt sich der Instruktor einer Polizeischule nicht einschüchtern. Aus dem Kofferraum holt er Seile: «Die habe ich immer dabei – für alle Fälle.» Zuletzt hat er damit den Weihnachtsbaum auf dem Autodach festgebunden.

Nach ihrer Attacke liegt die Kuh auf dem Boden, die Beine hangaufwärts gerichtet. Da nutzt André Widmer die Chance und bindet das 600 Kilo schwere Kraftbündel an der Leitplanke fest. Als die Polizei eintrifft, steht Fabienne wieder auf den Beinen und wehrt sich weiter mit aller Kraft. Der Tierarzt muss dreimal das Beruhigungsmittel Xylazin spritzen, bis das Tier überhaupt transportfähig ist.

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André Widmer bezahlt seinen Mut mit ein paar Prellungen. «Für mich war sofort klar, dass ich eingreife. Ein Tier auf der Autobahn kann zu einem schweren Unfall führen», sagt er. Die Kuh Fabienne hat ihre plötzliche Sturm-und-Drang-Phase inzwischen hinter sich gelassen: Zurück im heimischen Stall ist sie lammfromm, läuft dem Bauern hinterher wie ein Hündchen und lässt sich streicheln wie ein Kätzchen.