Der 1. April stellt für einen Tag die Welt auf den Kopf: Man liest Zeitungen für einmal nicht, um Tatsachen zu erfahren, sondern freut sich über die besten Lügen – wenn man sie erkannt hat. Der erste gedruckte Aprilscherz stammt von 1774. Eine deutsche Zeitung berichtete, man könne nun nicht nur Ostereier, sondern auch Tiere in allen Farben züchten, wenn man ihre Umgebung bemale. Mittlerweile gibt es eine riesige Schar solcher bunter Zeitungsenten. Die Kunst: die Realität kreativ weiterdenken und das Abstruse nach allen Regeln des Handwerks plausibel machen. Hier eine kleine Typologie.

Biologische Sensationen: Legendär sind die Schweizer Spaghettibäume. Der britische TV-Sender BBC brachte 1957 eine Reportage über die Ernte am Luganersee. In harter Arbeit hätten Bauern Bäume gezüchtet, an denen Spaghetti in passender Länge reiften. Man sah, wie sie die Pasta pflücken und in der Sonne trocknen und dann ein Erntedankfest feiern. Hunderte von Briten erkundigten sich danach, wie sie Spaghettibäume kultivieren könnten. «Stecken Sie einen Spaghettizweig in eine Büchse Tomatensauce und hoffen Sie aufs Beste», riet BBC.

Den Scherz gibts in vielen Varianten. Erst letztes Jahr meldete das «Solothurner Tagblatt», der Cervelat sei gerettet dank einem Bauern, der nordafrikanische Sandhorngurken anpflanze; deren Hüllen eigneten sich als Wursthäute. Etliche Leser kamen zur Degustation.

Durchbrüche und Erfindungen: Auch mit neuen Errungenschaften lässt sich punkten: So führte Burger King den Linkshänder-Whopper ein, bei dem es rechts heraustropft («USA Today»). Im Spital Wädenswil gelang die erste Blinddarm-Transplantation («Tages-Anzeiger»).

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Überraschende Promis: Beliebt sind Promi-Scherze, etwa dass sich Frankreichs Präsident Sarkozy zwölf Zentimeter strecken lässt («The Sun») oder SVP-Politiker Christoph Mörgeli seine Memoiren im Verlag der linken «Wochen-Zeitung» publiziert.

Visionäre Bauten: Am besten zieht Utopisches. So plante Peter Sauber auf dem Flugplatz Dübendorf eine Autofabrik («Tages-Anzeiger»). In Bern sollte ein Minarett den Baldachin am Bahnhofplatz tragen («Der Bund»). In Zürich wurde ein Stadion auf dem See vorgestellt, mit Grafik und Reaktionen aus Politik und Sport («Tages-Anzeiger»). Oft sind jedoch die schlichten Scherze die besten, wie jener der NZZ: Der Zürcher Üetliberg-Turm werde abgerissen, die Nieten könne man als Souvenir im Stadthaus abholen. Tatsächlich erkundigten sich dort viele Zürcher nach Nieten.

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Erfunden wurde der Veräppelungsbrauch angeblich in Frankreich. 1564 vereinheitlichte König Karl IX. den Kalender und legte den Jahresbeginn auf den 1. Januar. Wer den Jahreswechsel weiter im Frühling feierte, sollte als Aprilnarr verspottet werden. Ewiggestrigen klebte man Papierfische auf den Rücken – «poisson d’avril» heisst es noch heute. Die Redensart «jemanden in den April schicken» ist 1618 in Bayern belegt; Meister liessen Lehrlinge Mückenfett oder Gänsemilch besorgen.

Für alle Aprilscherze gilt: «Wenns nicht wahr ist, ists doch gut erfunden.» Geschrieben hat das 1585 der italienische Philosoph Giordano Bruno. Er kämpfte unerschrocken für die Wahrheit und gegen päpstliche Dogmen und wurde – kein Scherz – im Jahr 1600 als Ketzer verbrannt.