Ein klarer Fall für die Feuerwehrspritze, kommentierten Passanten das Treiben in luftiger Höhe. Ein typischer Fall für die Abteilung Kunsttechnologie des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft, erklärten die beiden Restauratoren auf der Hebebühne. Anna Stoll und Christian Marty machten sich in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs in amtlicher Mission während vier Tagen am frei schwebenden «L’ange protecteur» zu schaffen. Der prallbusige, 1,2 Tonnen schwere und elf Meter hohe Schutzengel der französisch-amerikanischen Plastikerin und Malerin Niki de Saint Phalle hat an Glanz verloren.

In den vergangenen acht Jahren seines Erdendaseins haben dem himmlischen Koloss in der halb offenen Halle Staub, Feuchtigkeit und Taubendreck arg zugesetzt. Der voluminöse blaue Körper ist von einem Schmutzfilm überzogen, die knalligen Farben des Badeanzugs und das Gold der Flügel sind verblasst. «Der Engel wurde bisher drei- bis viermal jährlich durch unser Handwerkerteam mit Druckluft abgeblasen», erklärt SBB-Mediensprecherin Michèle Bamert. Doch Wasserflecken und Taubenkot zeigten sich resistent.

Wasserspritze kommt nicht in Frage
Weil die mattblaue Oberfläche nicht lackiert und das Blattgold der Flügel empfindlich ist, kommt ein Rundumschlag mit der Wasserspritze nicht in Frage. Gegen einen Schutzlack hatte sich die verstorbene Künstlerin selber noch ausgesprochen, weil das die Wirkung der Farben beeinflusst hätte. So beauftragten die SBB das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft, nach einer möglichst schonenden und effizienten Reinigungsmethode für das weibliche Himmelswesen zu suchen.

«Das ist keine alltägliche, aber eine umso spannendere Aufgabe», meint Restauratorin Anna Stoll. Vor allem das Blau reagiere auf verschiedene Reinigungsarten hoch empfindlich. In der Regel verwendete die in zweiter Ehe mit Jean Tinguely verheiratete Niki de Saint Phalle für Skulpturen im Freien andere Kunstharzfarben und behandelte diese mit einem Überzug. «Möglicherweise hat sie nicht damit gerechnet, dass der Schutzengel so lange über den Zürcher Bahnpassagieren schwebt», so Stoll.

Während vier Tagen führte die Expertin mit ihrem Berufskollegen unter den neugierigen Blicken des Publikums Reinigungsproben an der sensiblen Oberfläche durch und legte danach den SBB ein Konzept vor. Halleluja, jauchzt der Engel.