Die Idee, in der Evolutionsgeschichte des Menschen hätte dessen Gehirn schrumpfen können, galt bis anhin als undenkbar. Der Mensch per se war Beweis genug: Die Grösse seines Denkapparats hat sich in den letzten drei Millionen Jahren verdreifacht.

Doch das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, wie uns jetzt Fledermäuse beweisen: Ein Teil der nachtaktiven Segler warf im Lauf der Evolution Hirnballast ab und investierte die freigesetzte Energie ins Tempo. Andere «Piloten» wiederum legten das Gewicht auf die grauen Zellen, wenn Wendigkeit und Agilität gefragt waren.

Zu diesem Schluss kommt die Studie eines Forscherteams am Zoologischen Institut der Universität Zürich. «Auch ein kleines Hirn kann das Resultat einer modernen Entwicklung sein», sagt Verhaltensbiologe Kamran Safi, der zusammen mit Marc Seid und Dina Dechmann der Aviatik der fliegenden Säugetiere auf den Grund ging. Das Expertenteam machte sich bei 104 Fledermausarten aus 13 Familien schlau und untersuchte deren Gehirngrösse, die Form des Körpers und die Art, wie und wo sie nachts nach Beute jagen.

Nicht gross, effizient muss es seinDemnach können sich Fledermausarten, die in hindernisarmen Gefilden durch die Nacht flitzen, ein kleineres Gehirn leisten. Andere Artgenossen hingegen, die etwa im Wald navigieren müssen, haben im Lauf der Zeit mehr Gehirnmasse entwickelt, um die Informationsflut flugs zu verarbeiten. «Fliegen ist im Verhältnis zum Kraftaufwand die kostspieligste Fortbewegungsart», sagt Experte Safi. Und weil Fledermäuse punkto Energiehaushalt unter höchstem Selektionsdruck stehen, sind sie ein aussagekräftiges Forschungsobjekt.

Auch bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns kann die Evolution vom Normalkurs abweichen – das lässt jedenfalls der Aufsehen erregende Fund eines 18'000 Jahre alten Skeletts auf der ostindonesischen Insel Flores vermuten: Das Hirnvolumen der nur ein Meter grossen Frau entsprach einem Viertel eines modernen Menschenhirns. Trotzdem waren die Insulaner fähig, Boote zu bauen und Werkzeuge herzustellen. Ein knappes Nahrungsangebot leistete der Entwicklung zum Zwergwuchs wohl Vorschub. Die Reduktion des Gehirns half weiter Energie sparen.

Unbestritten bleibt: Das Hirn der Männer ist leicht grösser als jenes der Frauen. Kein Wunder: Die Frauen haben Ballast abgeworfen. Mindestens bis zum Beweis des Gegenteils.

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