Herrliberg an der Zürcher Goldküste. Ein herrlicher Flecken Erde, der demzufolge von Gutbetuchten mit Villen samt Hallenbädern überbaut wurde. Ein folkloristisches Restchen Reben gedeiht und sorgt für etwas Nostalgie unter den Seebuben, wie sich bestandene Männer hier gern nennen. An den Gestaden des Sees liegen prachtvolle Jachten vor Anker, und 1997 hat sich auch Anker-Liebhaber Christoph Blocher hier niedergelassen. Nach Herrliberg zieht, wer hier leben will, nicht wer sterben will – schliesslich beträgt der Steuerfuss 80 Prozent plus acht Prozent Kirchensteuern.

Und doch: Gerade hier hat Pfarrer und Psychologe Carlo Capaul einen offenen Sarg ins Schaufenster des reformierten Kirchgemeindesekretariats gestellt – ein eindrückliches Zeugnis handwerklichen Schaffens. Den Zeitpunkt wählte er mit Bedacht: November, wenn Nebelschwaden durchs Dorf streichen. Und schliesslich begeht die reformierte Kirche in diesem Monat den Totensonntag. Die Reaktionen erfolgten postwendend in der Form von Zuschriften. Ein Drittel positive – endlich macht einer den Tod zum Thema. Ein Drittel negative – wie despektierlich für Leute, die Leid tragen. Ein Drittel neutrale – was soll die ganze Aufregung?

Eine milde Provokation
Ja, was solls? Pfarrer Capaul spricht von einer milden Provokation: Der Sarg soll die Passanten zum Nachdenken über Vergänglichkeit und Tod anregen. Dass diese Gedankenarbeit Früchte tragen kann, formuliert Carlo Capaul folgendermassen: «Fähig wird ein Mensch, wenn er vor den Gefühlen, die Sterben und Tod bewirken, in seinem Leben nicht geflohen ist, sondern sie ausgehalten, mit andern darüber gesprochen und ihre Hoffnung, Kraft und Trost dabei entdeckt hat.»

Immerhin sei die Anmerkung gestattet, dass gerade das Nachdenken über den Tod auch zu neuen Befürchtungen führen kann. Kurt Tucholsky, der Altmeister der Satire, fragte sich beispielsweise: «Werde ich sterben können? Wie aber, wenn ich mich so dumm anstelle, dass es nichts wird? Es wäre doch immerhin denkbar.» Denkbar aber wäre auch, dass einem der 41 Rechtsanwälte, die im 5700-Seelen-Dorf ihr irdisches Dasein recht gut fristen, beim Anblick des Sarges der Schreck in die Glieder fährt. Weil er ihn an seine beruflichen Pflichten erinnert – nämlich daran, dass er diesen Erbschaftsstreit, den er seit Jahren führt, endlich einmal zu Ende bringen sollte.