Dass Bakterien allerhand anrichten können, ist nicht neu. Dass die Einzeller aber auch das Bild des Homo sapiens als intelligentestes aller Lebewesen korrigieren, hätten wir nicht gedacht. Was der Mensch jahrzehntelang erforscht, mühevoll perfektioniert und wirtschaftlich rentabel gemacht hat, kann Ralstonia eutropha nämlich schon lange: Das Bodenbakterium produziert Plastik, einfach so.

Es benötigt dazu weder Kenntnisse in Chemie, Physik noch Marketing, sondern einzig die richtige Nahrung. Mangelt es in seinem Futter an Stickstoff und ist zugleich Kohlenstoff im Überfluss vorhanden, so lagert das Bakterium kunststoffähnlichen Energiespeicherstoff ein, etwa so wie der Mensch Winterspeck. Mit dem Unterschied, dass dieser bei Ralstonia eutropha aus Polyester besteht. Bei einer Umstellung der Ernährung sind die Bakterien fähig, den Plastikvorrat innerhalb von zwei Stunden wieder abzubauen - auch dies ein meilenweiter Vorsprung gegenüber den Menschen, von denen manche ein Leben lang gegen ihre Fettpolster kämpfen.

Auf die Nahrung kommt es an

Aber auch die natürliche Plastikproduktion lässt sich noch von Menschenhand perfektionieren. Einer, der im Bioreaktor Plastik wachsen lässt, ist Manfred Zinn. An der Empa, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt in St. Gallen, untersucht der Biologe mit seinem Team, wie Futterveränderungen wirken. «Inzwischen können wir durch unterschiedliche Fütterung den Schmelzpunkt des Biopolymers bereits zwischen 80 und 180 Grad variieren», sagt Zinn. So kann der Forscher je nach Bedarf weichen oder harten Kunststoff entstehen lassen.

Zinns Zellen enthalten bis zu 80 Prozent Polyesterverbindungen, die sich mit Lösungsmitteln extrahieren lassen. Bioplastik kommt ohne Erdöl aus und ist biologisch abbaubar - das Campinggeschirr der Zukunft lässt sich nach Gebrauch kompostieren. Zinn stellt sich vor allem Anwendungen in der Medizin vor: Wundfäden, Sehnen, Herzklappen und Schrauben würden langsam abgebaut und gegebenenfalls durch körpereigene Zellen ersetzt.

Einen Haken hat die Sache: Bakterien sind sehr klein, die Kunststoffmengen entsprechend gering, die Produktion teuer. Die Herstellung konventioneller erdölbasierter Kunststoffe kostet heute ein bis zwei Euro pro Kilogramm, Plastik aus Bakterien drei- bis zehnmal mehr.

Bedenken hinsichtlich der Akzeptanz für Bioplastik lassen sich jedoch ausräumen: Der Gedanke, dass man beim Trinken aus dem Plastikbecher künftig an ehemaligem mikrobiellem Winterspeck nippt, mag etwas seltsam erscheinen. Doch Joghurt erregt schliesslich auch keinen Ekel, obwohl man dabei die Mikroorganismen samt «Haut und Haar» konsumiert.

Quelle: Dominik Baumann
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