Riehen ist aufs Kamel gekommen: Als Zugpferde für Tempo 30 auf Gemeindegebiet mussten fünf leibhaftige Trampeltiere aus der deutschen Enklave Büsingen während eines Nachmittags den Kopf – und die zwei Höcker – hinhalten. «Kamele sind intelligente, ausdauernde, gemütliche Tiere», liess die Gemeindeverwaltung ihre 21000 Bürgerinnen und Bürger im Vorfeld wissen. Punkto Energieverbrauch und sicheren Ankommens könnten wir Menschen von ihnen lernen.

Kamele sind schnell und eigensinnig


Bei ihren Verhaltensforschungen übten sich die Verantwortlichen gar in Gedankenspielen über nonverbale Kommunikation – und kamen zur Erkenntnis: «Könnte das Kamel sprechen, würde es sagen: ‹Mensch, keine Hektik!›» Tatsächlich zeichnen sich die genügsamen Paarhufer durch gemächlichen und stetigen Passgang aus, wie Gerry Guldenschuh, Kurator am Basler Zolli, bestätigt. Die schwankende Fortbewegungsart ist wohl verantwortlich für die Bezeichnung «Wüstenschiffe».

Doch wehe, wenn sie losgelassen werden. An Kamelrennen etwa mutieren die Tiere zu Sprintern und legen gut und gerne Tempo 50 hin. «Kamele können so schnell sein wie Pferde», weiss Ernst Federer, Direktor des Walter-Zoos in Gossau SG. Mit seinen 16 Trampeltieren hat er die grösste Kamelherde der Schweiz und kennt auch die Macken der Hochbeiner: Sticht sie der Hafer, schlagen sie nach allen Seiten aus oder beissen und spucken. Solche Charakterzüge erwarten die Riehener Behörden wohl kaum von ihren Verkehrsteilnehmern.

Die Kamelkampagne blieb nicht unwidersprochen. «Wir brauchen keine PR-Agentur mit sauglatten Ideen», hält Einwohnerrat und Advokat Heinrich Ueberwasser fest. Die Aktion erwecke den Eindruck der Spasspolitik. Als Mitbegründer des Komitees Volksanregung «Keine Verkehrspolitik für Kamele» fordert er die Gemeinde auf, die «21000 Augenpaare» der Einwohnerschaft zu nutzen und deren Erfahrungen mit dem Verkehrskonzept auszuwerten. Die Verkehrspolitik solle nicht vom hohen Kamel herab aufgegleist werden.

Gute Reaktion auf die Provokation


Philipp Wälchli, zuständig für Verkehr und Energie, sieht den Aufmarsch der Kamele als Erfolg: «Unsere Absicht war, zu provozieren.» Das sei gelungen. 95 Prozent aller Reaktionen seien positiv ausgefallen. Die eingereichte Volksanregung renne bei anderen Verkehrsfragen bereits offene Türen ein: «Problematische Strassenverengungen werden überprüft und, wo sinnvoll, angepasst.» Darauf spuckt das Kamel. Könnte es sprechen, würde es sagen: «Eher gehe ich durch ein Nadelöhr, als dass ein Raser in den Himmel kommt.»