Ist er jetzt schon da, der GAU der Nanoindustrie? Jahrelang hat die neue Technologie geboomt, die mit allerkleinsten Teilchen – so klein wie ein Zehntausendstel des Durchmessers eines Haars – neue Wundersachen herstellt: kratzfeste Brillen, schmutzabweisende Koffer, T-Shirts, die auch nach wochenlangem Tragen nicht stinken. Jahrelang auch hat man befürchtet, dass Nanopartikel Gesundheitsschäden verursachen könnten. Denn in Tierversuchen wurde festgestellt, dass die winzigen Teilchen von der Lunge ins Blut gelangen und krank machen können. Definitiv bewiesen ist das aber bislang noch nicht.

Und dann der Fall in China, der kürzlich weltweit für Aufsehen gesorgt hat: Sieben Arbeiterinnen erkrankten an schweren Lungenbeschwerden, weil sie an ihrem Arbeitsplatz hohen Konzentrationen von Nanopartikeln ausgesetzt waren, zwei starben gar daran. Dies behaupten chinesische Wissenschaftler in einer Fachzeitschrift. Die Frauen, zwischen 18 und 47 Jahre alt, steuerten eine Maschine, die Styroporplatten mit Polyacrylatfarbe besprühte. Die Bedingungen waren schlecht: Der Raum war fensterlos, die Tür geschlossen und die Absaugung defekt. Die zuvor gesunden Arbeiterinnen klagten nach 5 bis 13 Monaten über massive Lungenprobleme. Die Forscher fanden Nanopartikel aus der Polyacrylatfarbe in der Lunge der Patientinnen und schrieben diesen die Ursache für die Lungenfibrosen zu.

Westliche Wissenschaftler wie der Berner Anatomieprofessor Peter Gehr, der selbst über den Einfluss von Nanopartikeln auf das Lungengewebe forscht, zweifeln aber an der Seriosität der Untersuchung. «Auf dieser Basis kann man nie und nimmer sagen, dass die Nanopartikel für die Erkrankungen verantwortlich sind», sagte er der «Aargauer Zeitung». Die Arbeiterinnen hätten auch andere Stoffe inhaliert, die in der Farbe enthalten und giftig, ja krebserregend seien. Somit könne man schlichtweg nicht sicher sein, dass wirklich die Nanopartikel die Lungenschäden verursacht hätten. Zudem seien die Daten der chinesischen Forscher unzureichend: «Wir sehen an unserem Institut jeden Tag Nanopartikel im Rasterelektronenmikroskop und zweifeln daran, dass die nun veröffentlichten Bilder tatsächlich solche Teilchen zeigen.»

Also hat das «Tschernobyl» der Nanotechnologie (noch) nicht stattgefunden. Das Beispiel zeigt aber, wie unsicher Wissenschaft und Wirtschaft im Umgang mit Nanopartikeln sind. Nicht nur bei der chinesischen Acrylfarbe, auch bei anderen Nanostoffen befürchten Forscher, dass sie eine gesundheitsschädigende Wirkung haben könnten:

  • Toner von Druckern und Kopiergeräten: Ende letzten Jahres entdeckte der Pathologe Ludwig Jonas von der Universität Rostock Tonerpartikel im Tumor eines an Lungenkrebs verstorbenen Servicetechnikers, der täglich mit dem schwarzen Pulver in Berührung gekommen war. Bewiesen sei damit nichts, relativierte er selbst seinen Befund. Diese Einschätzung teilt auch der Berner Professor Peter Gehr. Im Lauf des Lebens sammle sich viel Staub in den Lungenzellen an. Trotzdem betonen beide, es gebe hier unbedingt weiteren Forschungsbedarf.
  • Kohlenstoffnanoröhrchen in Velorahmen, Tennisschlägern oder Laptops: Studien an Nagetieren haben gezeigt, dass diese sogenannten Carbon-Nanotubes Lungenfibrosen verursachen und die Immunabwehr schwächen können; zudem stehen sie im Verdacht, bösartige Tumoren des Brust- und Bauchfells, sogenannte Mesotheliome, zu verursachen.


Umstritten ist einzig, wie gefährlich dies für Konsumenten oder Arbeitnehmende werden kann, da die Nanopartikel jeweils in anderen Stoffen fest gebunden sind. Es sei noch zu wenig erforscht, wieweit sie beim Zersägen, Schleifen oder Erhitzen in die Luft und damit in die Lunge gelangen, versucht man beim Bundesamt für Umwelt zu beruhigen. Genau das waren aber bereits beim Asbest die Argumente, die gegen ein frühes und entschlossenes Vorgehen in den siebziger Jahren vorgebracht wurden (siehe Artikel zum Thema «Asbest»).

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Die Forscher liefern dem Bundesamt für Umwelt, dem Staatssekretariat für Wirtschaft, dem Bundesamt für Gesundheit und der Suva, die sich alle mit Gesundheits- und Umweltschutz befassen, also noch keine klaren Resultate. Trotzdem wurden die Behörden aktiv, denn der Asbestskandal sitzt ihnen noch tief in den Knochen. Zudem verlangt das Vorsorgeprinzip, dass man möglichen Schädigungen auch dann vorbeugt, wenn noch keine letzte wissenschaftliche Gewissheit vorliegt. Die Suva formuliert es so: «Liegen zu einem spezifischen Nanomaterial keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse zu dessen Gefährdungspotential vor, sollte dieses Material daher wie ein gesundheitsgefährdender Stoff betrachtet werden.»

Die Verantwortung für den Schutz von Arbeitnehmenden vor Nanogefahren liege klar beim Unternehmen, betonen die Behörden immer wieder. Darum wurde die Suva bisher nur auf Anfrage aktiv, wie Suva-Sicherheitsingenieur Christoph Bosshard bestätigt. «In Zukunft werden wir aber vermehrt auf Firmen zugehen, bei denen wir vermuten, dass sie mit Nanomaterialien arbeiten», sagt er. Und im Jahr 2011 sollen Richtwerte für Nanopartikel und Carbon-Nanotubes in die Grenzwertliste aufgenommen werden. Folgendes Vorgehen empfiehlt sich somit für den verantwortungsbewussten Arbeitgeber:

  • Mit dem Vorsorgeraster für synthetische Nanomaterialien des Bundes kann er abschätzen, ob er ein Nano-Sicherheitproblem hat und bei welchem Produktionsschritt es genau liegt («Nano-Vorsorgeraster» im Suchfeld auf www.bag.admin.ch eingeben).
  • Mit einem neuen Messgerät, das vom Institut für Aerosol- und Sensortechnik mit Unterstützung der Suva entwickelt wurde, kann er feststellen, wo in welcher Konzentration in seinem Betrieb Nanopartikel freigesetzt werden.
  • Mit den «vorläufigen Empfehlungen zum Schutz der Arbeitnehmenden» der Suva, die jeweils dem aktuellen Stand der Forschung angepasst werden, weiss er, wie er seine Arbeitnehmenden vor potentiellen Nanogefahren schützen kann.


Alles im Griff also beim Schutz vor Nanogefahren? Nein, keineswegs, wie gerade der Beinahe-GAU in der chinesischen Werkhalle zeigt. Im Schweizer Sicherheitssystem gibt es nämlich eine entscheidende Schwachstelle: Niemand weiss, ob die möglicherweise gefährliche Polyacrylatfarbe auch in Schweizer Betrieben verwendet wird. Denn für Nanostoffe gibt es weder ein Zulassungsverfahren noch eine Deklarationspflicht des Herstellers, noch eine Meldepflicht des Verarbeiters. «So weiss manchmal nicht einmal der Betrieb selbst, ob er mit Nanomaterialien arbeitet, geschweige denn wissen dies die Behörden», beschreibt Livia Bergamin, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Seco, die rechtliche Situation. Die Schweizer Behörden müssen mühsam im Nachhinein mit Befragungen erheben, welche Betriebe Nanomaterialien verwenden. Das Lausanner Institut für Arbeit und Gesundheit hat letztes Jahr im Auftrag des Bundes 1626 Unternehmen befragt, 947 haben geantwortet – daraus hat man die Zahlen für die ganze Schweiz hochgerechnet: 1300 Arbeitnehmende arbeiten gemäss dieser Studie in der Schweiz direkt mit Nanopartikeln – vor allem in der chemischen Industrie, aber auch im Handel, in der Elektrotechnik, in der Oberflächen- und Steinbehandlung sowie bei Automobilzulieferern und im Bereich Keramik/Glas.

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Das Nanoinventar führt auch die in der Schweiz verwendeten Stoffe auf, doch ist diese Momentaufnahme unvollständig. «Eine Pflicht des Herstellers, Nanomaterialien auf dem Sicherheitsblatt zu deklarieren, wäre sehr sinnvoll», bestätigt Seco-Mitarbeiterin Bergamin.

Damit wäre aber ein Paradigmenwechsel weg von der Selbstverantwortung und hin zu einem verstärkten Kontrollsystem des Staates verbunden. In diese Richtung geht der Trend in den USA und in der Europäischen Union: Die amerikanische Umweltbehörde EPA verlangt eine Deklarationspflicht für Nanomaterialien, und das Europäische Parlament forderte im Juni ein Zulassungsverfahren für neue Nanomaterialien, Unbedenklichkeitserklärungen für bestehende Materialien und eine Deklarationspflicht für Nanostoffe auf dem ganzen Weg vom Hersteller über den Verarbeiter bis zum Recycler.

In der Schweiz ist man noch nicht so weit: National- und Ständerat haben vor zweieinhalb Jahren ein Nanotechnologie-Gesetz abgelehnt. Man wartet also noch zu. Vielleicht bis zum wirklichen GAU der Nanotechnologie.

Sicherheitstipps: Gefährliche Stoffe in Alltagsgeräten

Umgang mit Tonern und Druckgeräten. Die Suva kann eine krebserzeugende Wirkung von Tonerstäuben nicht ausschliessen. ­Deshalb empfiehlt sie folgenden Umgang mit Tonern und Druckgeräten:

  • Befolgen Sie die Bedienungsanleitung des Herstellers genau.

  • Stellen Sie die Geräte in einem gut belüfteten und genügend grossen Raum auf.

  • Installieren Sie Geräte mit hoher Leistung in separaten, ausreichend gelüfteten Räumen und versehen Sie diese mit einer lokalen Absaugung.

  • Richten Sie die Ablüftung nicht gegen ­Arbeitnehmende.

  • Warten Sie die Geräte regelmässig.

  • Wählen Sie geschlossene Tonersysteme.

  • Wechseln Sie die Tonerkartuschen nur nach Anweisung des Herstellers und ­öffnen Sie diese nie gewaltsam.

  • Nehmen Sie Verunreinigungen durch Toner mit einem feuchten Tuch auf. Waschen Sie verunreinigte Hautpartien mit Wasser und Seife. Falls Toner in den Mund gelangt, spülen Sie ihn mit ­viel kaltem Wasser aus. Wenn Toner in die Augen gelangt, spülen Sie ­diese 15 Minuten lang mit Wasser. ­Verwenden Sie kein warmes oder heisses Wasser (Toner werden klebrig).

  • Beheben Sie Papierstaus vorsichtig, damit nicht unnötig Staub aufgewirbelt wird.


Weitere Massnahmen bei erhöhter Exposition oder bei Beschwerden von Arbeitnehmenden finden Sie auf dem Factsheet der Suva auf der Website www.suva.ch (Wenn Sie dem Link folgen, dann werden Suchtreffer für «Toner» angezeigt).

Umgang mit Velos und Tennisschlägern aus Carbon-Nanotubes: Prinzipiell sollten ­solche Produkte gar nicht bearbeitet werden. Denn beim Bohren, ­Schleifen oder Erhitzen können möglicher­weise Nanopartikel freigesetzt werden und über die Atemwege in den Körper gelangen. ­Eine gesundheitsschädigende Wirkung von Kohlenstoffnanoröhrchen kann dabei nicht ausgeschlossen werden. ­Deshalb empfiehlt die Suva auch hier ­vorsorgliche Schutzmassnahmen:

  • Tragen Sie einen Atemschutz mit ­Partikelfilter P3.

  • Verwenden Sie Schutzhandschuhe. Bei ­Einweghandschuhen tragen Sie zwei Stück übereinander.

  • Ziehen Sie sich eine geschlossene ­Schutzbrille über.

  • Verwenden Sie eine Schutzbekleidung mit Kapuze (Kunststoff, kein Gewebe).

  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und ­Mitarbeiter in Dekontamina­tion.


Weitere Infos zu Risiken, Prävention, Schutzmassnahmen unter www.suva.ch/nanopartikel