Erst letzten Dienstag – nach drei Monaten – konnten die Behörden der Aargauer Gemeinde Mülligen Entwarnung geben: Trinkwasser dürfe wieder ohne Einschränkung an Kleinkinder abgegeben werden. Denn das Leitungswasser hatte den Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überschritten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, Kleinkindern kein solches Wasser zu geben. Denn es kann dazu führen, dass sie zu wenig Sauerstoff aufnehmen, im schlimmsten Fall werden Hirn oder Herz unterversorgt. Für Erwachsene gilt diese Nitratmenge nicht als gesundheitsgefährdend, doch ist sie ein Indikator für die generelle Verschmutzung: Je mehr Nitrat im Wasser, desto höher ist meist der Anteil an heiklen Stoffen wie Pestiziden.

Mülligen dürfte kein Einzelfall bleiben: Während noch bis ins Jahr 2003 die Nitratbelastung des Grundwassers in der Schweiz stetig sank, nimmt sie seither wieder zu. Und zwar so stark, dass die mühsam erkämpften Fortschritte bald weggefressen sind. Ein Blick auf die Messresultate des Bundesamts für Umwelt zeigt, dass die Belastung wieder so hoch ist wie Anfang der neunziger Jahre. Was ist nur passiert im Jahr 2003?

Die Antwort gibt der Umweltschutzbericht des Kantons Zürich. Die Nitratwerte im Grundwasser sind gestiegen, weil das Bundesamt für Landwirtschaft den Bodenschutz gelockert hat. Trockenheit und darauffolgende übermässige Niederschläge haben die Entwicklung noch verstärkt. Es geht darum, dass die Bauern vorher meist nur dann Direktzahlungen erhielten, wenn sie über den Winter ihre Felder bepflanzten. Denn Pflanzen binden den Nährstoff und verhindern, dass er ausgewaschen wird – eine Erkenntnis, die schon damals zum kleinen Einmaleins der Agronomen zählte.

Bauern gegen die schützende Saat

Trotzdem lobbyierten die Bauern für eine Lockerung des Bodenschutzes. Auf nassen Böden im Spätherbst zu säen schade mehr, als es nütze, argumentierten sie. Gemäss verschiedenen Quellen konnten sie dabei auf die Unterstützung von Christophe Darbellay zählen, damals Vizedirektor beim Bundesamt für Landwirtschaft, heute CVP-Präsident. Wäre es sinnvoll, den Boden über den Winter zu begrünen, würden die Bauern das auch freiwillig weiterhin tun, liess er sich damals zitieren. Heute will er sich dazu nicht mehr äussern.

Dass Darbellay falschlag, meldeten Aargauer Agronomen dem Bund schon im Winter 2006. Sie registrierten einen Drittel mehr brachliegende Äcker im nitratsensiblen Bünztal. «Damit konnten wir zeigen, dass die Lockerung des Bodenschutzes ein Fehlentscheid war», sagt Christoph Ziltener vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Gemeinderat Stefan Wietlisbach aus Dottikon ärgert sich: «Auf Gemeindeebene hatten wir uns mühselig angestrengt, die Nitratwerte zu senken. Doch der Bund torpediert unsere Anstrengungen.»

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Jetzt fordert der Umweltverband Pro Natura, die Lockerung des Bodenschutzes rückgängig zu machen. «Es hat sich gezeigt, dass Appelle an die Bauern, sich freiwillig umweltschonend zu verhalten, nicht fruchten», sagt Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. Mit derselben Forderung stiessen Kantonsvertreter bis jetzt beim Bund auf taube Ohren. Inzwischen scheint man dort klüger geworden zu sein: «Aufgrund der heutigen Entwicklung muss die Sachlage neu beurteilt werden», lässt das Amt verlauten.n