Es ist weit nach Mitternacht. Die Besorgnis von Vera Nyeste verwandelt sich zunehmend in Panik. Sie hat Angst um ihre Mutter – die 83-Jährige liegt im Bett und kann kaum mehr atmen. Ur­sachen sind ein geschädigtes Herz, hoher Blutdruck und eine Niere, die nicht mehr richtig funktioniert. Und das bei weit über 30 Grad, Ende Juni. Vera Nyeste weiss als ­diplomierte Pflegefachfrau, dass ihre Mutter sofort ins Spital muss.

Die Ambulanz ist alarmiert; Vera Nyeste wartet auf den Notfall­wagen. 20, 30 oder gar 45 Minuten? Sie hat jedes Zeitgefühl verloren. Dabei liegt die Notfallzentrale nur sechs Minuten Fahrzeit entfernt.

Helfer war besorgt, aber untätig

Vera Nyeste rennt auf die Stras­se. Sie will mit der Taschenlampe den Fahrer der Ambulanz auf sich aufmerksam machen. Der muss ja von Berikon her kommen, hat die Notfallzentrale gesagt. Ihre Wohnung liegt an der Hauptstrasse zwischen Berikon und Eggenwil – ist also leicht zu finden.

Endlich, kurz vor ein Uhr, trifft der Ambulanzwagen ein – fast eine halbe Stunde nach der Alarmierung. Der Chauffeur hat sich verfahren, trotz Navigationsgerät. Es sei halt dunkel gewesen, entschuldigte sich Monate später Intermedic, die für die ­Re­gion zuständige Rettungsfirma. Zudem befinde sich das Haus von Frau Nyeste zwar auf dem Gemeindegebiet Eggenwil, «jedoch ca. 200 Meter vor der Ortstafel».

Wenn die besorgte Tochter geglaubt hatte, jetzt werde endlich für ihre Mutter gesorgt und sie komme rasch ins Spital, hatte sie sich getäuscht. Der Rettungssanitäter und sein Transporthelfer waren von der Situation, die sie antrafen, völlig überfordert; diesen Eindruck hatte zumindest Vera Nyeste, als sie sah, dass der eine «Retter» sich während längerer Zeit mit seinem Handy bei einem Unbekannten Rat zu holen versuchte, während der andere besorgt untätig war.

Und dann passierte das mit dem Tragstuhl. Die beiden Notfallmänner waren nicht in der Lage, die betagte, normalgewichtige Patientin mit dem Tragstuhl das enge Treppenhaus hinunterzutragen. Erst als Vera Nyeste selber einschritt – die Notsituation ihrer Mutter verlieh ihr wohl herkulische Kräfte – und ihre Mutter das Treppenhaus hinuntertrug, konnten die Sanitäter die Frau zum Ambulanzwagen bringen. An eine Abfahrt ins Spital war allerdings noch lange nicht zu denken. Ein nächtlicher Velofahrer auf dem Heimweg stürzte – wohl abgelenkt vom Spektakel beim Ambulanz­wagen. Was wiederum den Sanitäter dazu veranlasste, zum unverletzten Velofahrer zu eilen – ungeachtet der auf der Bahre vor dem Rettungswagen liegenden, um Atem ringenden, schweissgebadeten 83-Jährigen. Velofahrer versorgt, Frau Nyeste verladen. Bereit zur Abfahrt? Ja, aber weit kamen sie nicht. Sie mussten umkehren, weil die «Retter» ihre Utensilien in der Wohnung vergessen hatten.

Anzeige

Zu wenig qualifiziert?

Endlich im Kantonsspital Baden, es sind seit dem Notruf anderthalb Stunden vergangen, ist Vera Nyeste mit ihren Nerven am Ende. Erst recht, als sie die allererste Frage des Notfallarztes vernimmt: «Hat Ihre Mutter eine Patientenverfügung

Es ging dann doch noch alles gut: Die Mutter – sie hatte ein akutes Lungenödem – blieb einen Tag auf der Intensivstation und sechs Tage im Spital. Und der private Notfalldienst der Region Berikon entschuldigte sich schriftlich für die Pannen. Allerdings erst nach gehörigen Reklamationen, dem Einbezug des Kantonsarztes und der Intervention des Beobachters. Das war wohl auch der Grund, weshalb die ­ursprüngliche Rechnung des Ambulanzdienstes im Nachhinein «aus Kulanz» um eine Einsatzstunde gekürzt wurde.

Oder um ganz einfach nur weiteren Ärger zu vermeiden? Die Intermedic AG steht schon länger in der Kritik der Öffentlichkeit und droht gar die Zulassung für die Region Berikon zu verlieren – weil die Firma angeblich über zu wenig qualifiziertes Personal verfügt.