«Hier könnt ihr sehen, wie schön es da ist», steht auf der Postkarte. Auf der Rückseite: der Hafen von Mykonos im lila Abendlicht.

Der Gruss von Brigitte aus Griechenland ist nicht die einzige Post, die Kathrin und Andreas Rubin an diesem Tag erhalten: Im Briefkasten sammeln sich Beileidskarten. Die Tochter, knapp 25, ist bereits zehn Tage tot, als ihre Karte eintrifft.

Das Ehepaar Rubin lebt seit 31 Jahren in Faltschen, einem Weiler im Kandertal BE. Brigitte hatte Coiffeuse gelernt. Seit einem Jahr arbeitete sie als Barmaid. Spontan war die lebenslustige Frau mit ihrer Freundin nach Kreta aufgebrochen. Den Hinflug hatte sie um ein Haar verpasst.

«Gewicht des Herzens normal»
Sechs Tage später: Bauarbeiter Andreas Rubin erfährt vom Dorfpolizisten und vom Pfarrer, dass seine Tochter und ihre Freundin auf Kreta verunglückt sind. Die zwei Frauen sind tot – Frontalkollision mit dem Mietauto; wer am Steuer sass, wissen weder Polizist noch Pfarrer. Details über den Unfallhergang sind nicht bekannt. Andreas Rubin: «Ich realisierte den Sinn der Nachricht lange nicht.» Vor allem ahnt er nicht, was noch auf ihn zukommen sollte.

Das Ehepaar wird von «Cousins, Schwägerinnen, Patenkindern, Tanten» und von einem Arzt betreut. Am Wochenende trifft die Leiche im Nachbardorf ein. Der Schwager identifiziert Brigitte Rubin. Er rät den Eltern dringend ab, sich dem Anblick der verunstalteten Tochter auszusetzen.

Zehn Tage nach dem Unfall wird ihre Urne beigesetzt.

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«Über Monate waren wir sehr gereizt», sagen die Eltern: «Wir warteten am Morgen, bis es endlich Abend war.» Ein Psychologe empfiehlt ihnen, für die Verstorbene einen Baum zu pflanzen. Auf den Fries ihres Gartenhäuschens schnitzen sie in Zierschrift: «Brigitte».

Von einer Bekannten erfährt Kathrin Rubin, dass es «wohl eine Weile dauert», bis sie den Unfallrapport erhalte. Deren Sohn war im Wallis verunglückt; das betreffende Papier sei ihr erst nach einem halben Jahr zugestellt worden. Elf Monate nach Brigittes Tod melden sich die Eltern beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Kurz darauf liegt ein Rapport im Briefkasten, unterzeichnet von «Dr. Emanuel Fragulis, Gerichtsmedizinisches Institut Heraklion». «Was darin stand, war wie eine zweite Todesnachricht», sagt die Mutter. Auf Seite fünf des Rapports ist unter «Bemerkungen» festgehalten: «Es wurden alle inneren Organe entfernt. Gewicht des Herzens normal – 300 Gramm».

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Bisher hatten die Eltern die rechtlichen Belange einem Studenten anvertraut. Jetzt ziehen sie einen erfahrenen Anwalt bei. Weshalb waren die Organe entfernt worden? Welche? Was war mit ihnen geschehen? Warum hatte man die Eltern zuvor nicht befragt? Das EDA hatte ihnen abgeraten, an den Unfallort zu reisen; hätten sie es trotzdem tun sollen? Hätten sie den Eingriff verhindern können? Das Rätseln, die Suche, das Bangen begann.

Nach mehreren Schreiben des Schweizer Anwalts reagiert sein Athener Kollege in gebrochenem Deutsch: «Niemand kann die Organe eines Toten in Griechenland entnehmen, es sei denn, der Verunglückte, ist zwar klinisch tod. Lebt er aber. In diesem Fall, seine Angehörigen können sich darüber entscheiden.»

Die erhellenden Worte erreichen die Eltern mehr als zwei Jahre nach der Bestattung. Was sollen sie nun damit anfangen? Schlimme Befürchtungen werden wach. Schlägt Brigittes Herz etwa weiter – im Leib eines andern Menschen? Wurden ihre Nieren verkauft? Sie hatte keinerlei Spenderausweis auf sich getragen; nie hatte sie sich zu solchen Fragen geäussert. «Alle inneren Organe… Man hat unsere Tochter ausgenommen wie eine Weihnachtsgans!», sagt Kathrin Rubin.

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Der Briefverkehr mit dem griechischen Anwalt kommt ins Stocken. Schliesslich erklärt er, «genau dieser Frage» nachgegangen zu sein, welche Körperteile dem Leichnam entnommen worden seien. «Ohne Erfolg, leider.» Und weitere Abklärungen mag der Jurist nicht mehr unternehmen. Seit dem Unfall waren inzwischen drei Jahre verstrichen.

«Alle Objekte wurden kremiert»
Jetzt interveniert die Schweizer Botschaft in Heraklion. Die Antwort der Verantwortlichen ist knapp und ohne Beschönigung. Brigitte Rubin wurden «auf polizeiliche Anordnung zu rechtsmedizinischen Abklärungen» entnommen: Herz, Leber, Nieren, Lungen, Milz – und möglicherweise das Hirn. Die Organe hätten sich «in einem sehr schlechten Zustand» befunden; der Transport hätte eine «Gefahr für die öffentliche Gesundheit» bedeutet. Und der Leiter des rechtsmedizinischen Instituts von Heraklion versichert: «Alle Objekte wurden kremiert. Eine wissenschaftliche Verwertung fand nicht statt. Auch keine Transplantation.»

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Kathrin und Andreas Rubin leben heute «eher zurückgezogen». Das Foto von Brigitte – sie lächelt – prangt überlebensgross in der Stube im Kandertal. Von der Versicherung erhielten Rubins eine Genugtuung. Manchmal, an Sonntagen, ertappen sich die Eltern dabei, wie sie auf ihre Tochter warten.

Sie besitzen eine Skizze des Unfallorts. Auf den Film, der im Autowrack lag, war ein roter Twingo gebannt. «Wahrscheinlich ist Brigitte darin gestorben.» Das Gesicht der toten Tochter haben sie nicht gesehen. Die Adresse des fehlbaren Lenkers ist ihnen nicht bekannt. «Dies alles liesse sich ertragen», sagt die Mutter.

Doch da ist die andere, bleibende Frage. Was ist mit Brigittes inneren Organen wirklich geschehen?