Preisüberwacher Rudolf Strahm sind die hohen Gesundheitskosten ein Gräuel. Deshalb setzt er sich schon seit Jahren vehement für Parallelimporte auf patentierte Güter wie etwa Medikamente ein. Damit wäre es möglich, entsprechende Waren im Ausland günstiger einzukaufen und in der Schweiz zu tie­feren Preisen zu verkaufen - ein Umstand, gegen den sich insbesondere die Schweizer Pharmaindustrie mit allen Mitteln wehrt.

Jetzt, kurz vor der erneuten Behandlung der Materie im Nationalrat, macht der Preisüberwacher eine überraschende Kehrtwende: Er schlägt vor, die Pharmabranche bei der Zulassung des Parallelimports auf patentierte Güter auszuklammern und so eine «Lex Pharma» zu schaffen.

Beobachter: Herr Strahm, warum fallen Sie vor der Pharmabranche auf die Knie?
Rudolf Strahm: Das ist kein Kniefall. Ich war einer der Ersten, die schon 1997 die Parallelimporte forderten. Nach meinem Amtsantritt als Preis­überwacher hatte ich Alarm geschlagen, sonst gäbe es diese Diskussion heute nicht. Wenn ich als Kompromiss die Möglichkeit aufzeigte, zunächst mal die Parallelimporte für alle patentierten Güter ohne die Medikamente zuzulassen, dann ist das eine Resignationslösung. Ich weiss aus 13-jähriger Parlamentserfahrung: Gegen die mächtige und reiche Pharmalobby geht nichts.

Beobachter: Für die Befürworter des Parallel­imports ist klar: Die Pharmabranche ist dagegen, weil sie ihre Gewinne ­sichern will. Das Nachsehen haben die Konsumentinnen und Konsumenten. Wie erklären Sie ihnen eine Sonder­bewil­li­gung für die Pharmaindustrie?
Strahm: Der Medikamentenmarkt ist ein Sonderfall, weil die Arzneimittelpreise im In- und Ausland staatlich fixiert sind. Bei administrierten Preisen sind Parallelimporte noch nicht automatisch ein Vorteil für den Konsumenten, weil ja für die Krankenkassen stets der vom Bundesamt für ­Gesundheit fixierte Preis verbindlich ist. Dafür insistieren wir so vehement auf einer Senkung der administrierten Preise für kassenpflichtige Medikamente.

Beobachter: Auch dagegen wehrt sich die Pharmabranche. Wie sollen die Gesundheitskosten fallen, wenn ihre Drohgebärden derart erfolgreich sind, dass sie sogar vom Preisüberwacher mit Samt­handschuhen angefasst wird?
Strahm: Wie man der Pharmalobby beikommt, müssen Sie die Politologen fragen. Oder die Politiker.

Beobachter: Wenn die Pharmaindustrie einen ­Sonderzug fahren darf, kommt dies ­einer Kapitulation vor dieser Branche gleich. Wer, wenn nicht Sie, müsste hier standhaft bleiben?
Strahm: Ich selber trage keine Samthandschuhe, sonst würden mich der Cheflobbyist der Pharma und die ganze Lobbymaschinerie nicht überall derart schlechtmachen.

Beobachter: Eine «Lex Pharma» ruft doch andere Branchen auf den Plan, die ebenfalls eine Extrawurst wollen.
Strahm: Die Pharmaindustrie ist selbst dann gegen Parallelimporte, wenn die Medikamente mit einer Extrawurst ausgeschlossen sind. Nennen Sie mir die Branche, die solche Extrawürste für sich auch durchsetzen kann.

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