Kompliment! In so kurzer Zeit und mit so hoher Beteiligung haben die zwei Kammern wohl noch nie ein Sachgeschäft erledigt. Innert drei Tagen antworteten 98 von 246 Ratsherren und -damen. Nach zwei Wochen waren es genau 140 Nationalrätinnen und Nationalräte (70 Prozent aller Ratsmitglieder) und 37 Ständeratsmitglieder (80 Prozent!). Damit ist garantiert, dass die vorliegenden Ergebnisse absolut zuverlässig und aussagekräftig sind.

Die Parlamentsdienste zeigten sich schon im Vorfeld an den Resultaten der Beobachter-Umfrage interessiert. Sie beweist auch, dass Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier – trotz Uberlastung – fähig sind, ein Dossier effizient zu behandeln. Jedenfalls wenn es sie betrifft.

Lauter Schwerstarbeiter...
Erste Frage: Wie viele Arbeitstage, gerechnet à zehn Stunden für Kaderleute, umfasst die Parlamentstätigkeit während eines Jahres? Gut vierzig Prozent der Nationalrätinnen und Nationalräte bewältigen das Pensum in maximal 100 Tagen, Vorbereitung und Kommissionssitzungen inbegriffen. Die grosse Mehrheit aber wendet bis zu 140 Arbeitstage oder mehr auf, übt also einen Halbtagsjob aus. Noch krasser ist das Bild beim Ständerat. Es ist offensichtlich: Unter der Bundeskuppel sitzen lauter Schwer- und Schwerstarbeiter.

So sehen sie es jedenfalls. Und geizen nicht mit Superlativen – wie etwa der Ausserrhoder Landwirt Jakob Freund (SVP): «Unendlich» viel Zeit investiert der Appenzeller Nationalrat. Oder die Waadtländer Liberale Suzette Sandoz. Sie hat nicht genau nachgerechnet, aber sie weiss: «Seit sieben Jahren habe ich selten Ferien und fast kein freies Wochenende.»

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Andere sind recht grosszügig beim Aufrunden. So kommt der Berner Bergbauer Fritz Abraham Oehrli (SVP) – der nur in einer einzigen Ratskommission sitzt – «mit allem Drum und Dran» auf über 200 Tage Nationalratsarbeit, «Aktenstudium nicht inbegriffen».

Einsamer Spitzenreiter im Nationalrat ist mit 290 Arbeitstagen aber der pensionierte Zürcher EVP-Vertreter Max Dünki. Und im Ständerat hält der Ausserrhoder Hans-Rudolf Merz (FDP) mit «zirka 230 Arbeitstagen» den Rekord. Beide sitzen übrigens in gleich vielen Kommissionen wie der Durchschnitt ihrer Ratskollegen.

Der Brotberuf leidet
Wo der Einsatz im fernen Bern so aufreibend ist, muss die Aufgabe zu Hause leiden. Ein guter Viertel der Nationalrätinnen und Nationalräte ist gezwungen, den angestammten Beruf um bis zu einem Drittel einzuschränken. Rund doppelt so viele sogar um mehr als dreissig Prozent.

Zwei Härtefälle stechen hervor: Die Luzerner CVP-Vertreterin Rosmarie Dormann erhielt 1987 die Kündigung ihrer 80-Prozent-Stelle als Amtsvormund: «Der Grund war Neid und meine Wahl in den Nationalrat.» Ähnlich erging es dem Genfer PdA-Vertreter Jean Spielmann. Ihm beschieden die PTT, sein Job als Fernmeldespezialist sei «nicht kompatibel» mit dem Nationalratsmandat. Der Kommunist musste eine lohnmässig um 25 Prozent tiefer dotierte Stelle bei der Gewerkschaft antreten.

Dass Ständeräte das Berufspensum weniger zurückschrauben müssen, hat seinen Grund: Im «Stöckli» sitzen mehr Rentner und Frühpensionierte, die ihre ungeteilte Schaffenskraft der Legislative widmen können.

Frauen sind flexibler
Uberraschenderweise gelingt es den noch im Berufsleben stehenden Ständerätinnen besser als den männlichen Kollegen, zwei oder mehr Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen. Die Luzerner Geschäftsfrau Helen Leumann (FDP) oder die Genfer Gewerkschaftspräsidentin Christiane Brunner (SP) etwa müssen ihr Berufspensum lediglich um zwanzig Prozent oder überhaupt nicht verringern – und haben deshalb auch keine Lohneinbusse.

Damit unterscheiden sie sich von der grossen Mehrheit in beiden Räten. Nur dreissig Prozent erhalten von ihrem bisherigen Arbeitgeber den vollen Lohn ausbezahlt. Zu ihnen gehören vor allem Staatsangestellte und Behördenmitglieder. Sie beziehen in der Regel das volle Gehalt, müssen aber ihrem Arbeitgeber einen Teil der Parlamentsentschädigung abliefern – allerdings deutlich weniger, als sie insgesamt vom Bund erhalten.

Neben Regierungsräten und Stadtpräsidenten geniessen auch Professoren wie Gian-Reto Plattner (SP), Rene Rhinow (FDP) und Ulrich Zimmerli (SVP) dieses Privileg. Aber auch manche Arbeitgeber der Privatwirtschaft zahlen ihren prominenten Aushängeschildern den vollen Lohn weiter.

Die Selbsteinschätzung zeigt: Weder Faulpelze noch Schwätzer vertreten die Interessen des Souveräns, sondern aufopferungswillige «Polit-Stachanows», die Tag und Nacht dem Volk dienen. Solche «Helden der Arbeit» kennen wie Assistenzärzte und Topmanager weder die 40- noch die 50-Stunden-Woche. Für rund zehn Prozent der Volksvertreter ist sogar die 70-Stunden-Woche ein Fremdwort. «Ein Parlamentarier hat kein normales Arbeitsvolumen», schrieben dem Beobachter mehrere Befragte fast gleichlautend.

Trotz Uberlastung ist den meisten das Reden darüber nicht abhanden gekommen. So schildert etwa der Zuger CVP-Ständerat Peter Bieri, der nebenbei ein 70prozentiges Berufspensum ausübt, seine Not wie folgt: «Ich kann meine Situation nur durchstehen, indem ich fast jeden Abend bis tief in die Nacht und an den Wochenenden arbeite.»

Meister im Jammern
Auch die Linken sind wahre Meister im Illustrieren ihrer grossen Last – indem sie dramatische Begleitbriefe schreiben, Agendaauszüge mitschicken oder kräftig über politische Gegner schimpfen. «Skandalös» nennt etwa die Berner SP-Abgeordnete Ruth-Gaby Vermot-Mangold die Arbeitsbedingungen und behauptet, «dass wir Schweizer Parlamentarier/innen bewusst dumm gehalten werden». Von wem, lässt sie offen.

Gut, gibt es in dieser tristen Politlandschaft noch einige wenige, die auch ohne finanzstarke Lobby Spass am Mandat haben. «Ohne Lust geht es gar nicht», sagt der Freiburger Gewerkschafter Hugo Fasel (CSP). Und die Aargauer Sprachlehrerin Christine Egerszegi-Obrist (FDP) bekennt: «Es ist viel, aber ich mache es gern.»

Die Arbeitsbelastung des Parlaments

1. Wie viele Arbeitstage wenden Sie pro Jahr für Ihre Parlamentsarbeit auf?

 NationalratStänderat
bis 100 Tage44,412,1
100 bis 140 Tage33,342,4
über 140 Tage25,345,5

2. Mussten Sie Ihre bisherige Berufstätigkeit einschränken?

 NationalratStänderat
keine Einschränkung15,531,2
Reduktion 30% oder weniger27,531,2
Reduktion 30 bis 50%43,418,8
Reduktion über 50 %13,818,8

3. Mussten Sie im angestammten Beruf eine Lohneinbusse hinnehmen?

 NationalratStänderat
keine Lohneinbusse29,531,1
Lohneinbusse bis 20 %13,917,2
20 bis 40%35,227,6
über 40%21,324,1

4. Wieviele Stunden hat Ihre Arbeitswoche im Durchschnitt?
(Berufs- und Parlamentstätigkeit)

 NationalratStänderat
weniger als 50 Stunden32,018,8
50 bis 69 Stunden58,368,7
70 Stunden und mehr9,712,5