Beobachter: Frau Bruderer, wir haben Mitleid mit Ihnen.
Pascale Bruderer: (lacht) Wie habe ich das verdient?

Beobachter: Parlamentarier lesen dauernd Zeitung. Selbst wenn vorne jemand spricht, hören sie kaum zu. Stört Sie das als Ratspräsidentin nicht?
Bruderer: Das hat mich bereits als Ratsmitglied gestört. Aber Sie müssen kein Mitleid mit mir haben, denn nun kann ich als Ratspräsidentin ja etwas dagegen unternehmen.

Beobachter: Was denn?
Bruderer: Was man dazu wissen muss: Die Vorlagen wurden schon in Kommissionen und Fraktionen mehrmals diskutiert, bevor sie in den Rat kommen. Die Argumente werden in der Session zwar erstmals öffentlich ausgetauscht, sind den Ratsmitgliedern aber bereits vorher bekannt. Das erklärt einen Teil dieser Lebendigkeit im Parlament, auch das Zeitunglesen. Kein Verständnis habe ich für das Telefonieren im Saal. Solche Leute bitte ich, den Saal zu verlassen.

Beobachter: Stehen Sie einem disziplinlosen Haufen vor?
Bruderer: Ein ordentlicher Ratsbetrieb ist mir wichtig. Das Wort muss gegenseitig verstanden werden. Auch die Besucher auf der Tribüne wollen schliesslich etwas verstehen.

Beobachter: Wie greifen Sie durch?
Bruderer: Gegen das Telefonieren habe ich eine Karte entworfen. Telefoniert jemand im Saal, erhält er vom Weibel diese Karte mit der Bitte, den Saal zu verlassen.

Beobachter: Eine rote Karte!
Bruderer: Eher eine gelbe. Es ist eine Verwarnung. Und sie funktioniert. Ich könnte auch gar nicht dauernd die Glocke betätigen, das würde den Ratsbetrieb ebenfalls stören. Auf den Lärmpegel muss ich speziell achtgeben. Überschreitet er ein gewisses Limit, spricht jeder noch lauter. Dann muss ich eingreifen.

Beobachter: Wenn die wichtigen Sachen in der Lobby entschieden werden, ist dann die Parlamentsdebatte nur noch für die Galerie? Eine Show?
Bruderer: Ich wünschte mir auch mehr eigentliche Debatten – wie im Ständerat. Als Präsidentin fällt mir erst recht auf, wie wenig auf die Voten der Vorredner eingegangen wird. Aber eine Show ist es nicht, sondern wie gesagt: Es geht auch darum, die verschiedenen Haltungen zu einer Vorlage der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Beobachter: Bei der Minarett-Initiative hat das offenbar nicht viel gebracht. Gibt es eine Kluft zwischen Volk und Politik?
Bruderer: Bei der Minarett-Initiative hatten Parlament und Bundesrat eine andere Meinung als eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Aber die Gefahr eines tiefen Grabens zwischen Bevölkerung und Politik ist in unserem Land geringer als anderswo. In anderen Ländern, wo man nicht so häufig abstimmen kann, gibt es sicher auch solche Differenzen, sie bleiben aber verborgen. Das halte ich für viel gefährlicher.

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Beobachter: Was dachten Sie an jenem Sonntagnachmittag als Erstes, als Sie von der Annahme der Minarett-Initiative erfuhren?
Bruderer: Ich dachte sofort: Das ist ein Auftrag! Wir müssen die Augen öffnen. Da haben wir etwas nicht gesehen, was die Stimmbürger bewegt.

Beobachter: Sind die Parlamentarier so weit vom Volk weg?
Bruderer: Nur um die Relationen klarzustellen: Seit 2001 hatten wir 74 Abstimmungen. 61 Mal ist das Volk der Empfehlung des Parlaments gefolgt.

Beobachter: Rechneten Sie mit einer Annahme der Minarett-Initiative?
Bruderer: Nein, auch ich rechnete nicht damit, erwartete aber ein knappes Ergebnis. Ich bin viel unter Leuten, und die sagten mir stets: «Ich stimme zwar Nein, aber…» – und nannten dann doch mögliche Gründe für eine Annahme. Jetzt müssen wir umsichtig handeln. Was ich nicht goutiere, sind Forderungen, diesen Entscheid umgehend zu korrigieren. Nein! Wir müssen unsere Sensoren besser ausrichten, damit wir solche Strömungen in Zukunft spüren.

Beobachter: Da müsste sich gerade auch Ihre Partei, die SP, an der Nase nehmen.
Bruderer: Warum?

Beobachter: Die SVP scheint viel näher am Volk zu sein. Bei der Personenfreizügigkeit etwa machte die SP lange Zeit auf Beschönigung.
Bruderer: Gerade bei der Personenfreizügigkeit hat sich die SP stark für flankierende Massnahmen und damit für die Arbeitnehmenden eingesetzt. Also da können Sie der SP nichts vorwerfen.

Beobachter: Aber die SVP hat offenbar bessere Sensoren. Denken wir an die Minarett-Initiative.
Bruderer: Betreffend Minarett-Initiative möchte ich festhalten: Dank der direkten Demokratie haben wir etwas zur Kenntnis genommen, was wir sonst nicht zur Kenntnis hätten nehmen können. Gefährlich wirds, wenn jemand aus politischen Gründen das Feuer der Emotionen schürt, um sich nachher gleich noch als Feuerwehr zu profilieren.

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Beobachter: Was sind denn die Lehren aus der Minarett-abstimmung?
Bruderer: In der Frage der Integration und Religion braucht es mehr Begegnungen, mehr Austausch. Themen wie Kopftuch, Dispens vom Schwimmunterricht, Frauenrechte müssen wir viel offensiver anpacken und diskutieren.

Beobachter: Aber mit Diskutieren allein können Sie Probleme wie die massive Zuwanderung oder mangelnde Integration doch nicht lösen.
Bruderer: Man kann damit sehr viel erreichen. Wir müssen den Dialog öffnen, die Leute zusam menbringen. Auch die Vertreter der SVP sind bereit, den Dialog voranzubringen.

Beobachter: Aber warum setzt nur die SVP die Themen – seis Einschulung, Minarette, deutsche Einwanderer?
Bruderer: Seien wir ehrlich: Wenn wir die Leute auf der Strasse fragen, ist ihre Hauptsorge im Moment die Arbeitslosigkeit. Das entnehme ich auch Zuschriften, die ich erhalte.

Beobachter: Was sind denn die Erwartungen an Sie, wenn die Leute Sie ansprechen?
Bruderer: Das ist eine schwierige Frage. Nachdem die Politik die UBS mit vielen Milliarden retten musste, verlangen die Bürger jetzt etwas zurück. Die Finanzkrise schlägt jetzt auf den Arbeitsmarkt durch. Die Menschen wollen deshalb wissen: Was ist mit uns? Wo stehen wir? Sie verlangen berufliche Perspektiven und würden es kaum verstehen, wenn man ausgerechnet jetzt zum Beispiel bei der Arbeitslosenversicherung abbaut.

Beobachter: Die Politik hat immer behauptet, wenn die Wirtschaft abkühle, kehrten viele zugewanderte Arbeitskräfte wieder zurück. Das passiert aber nicht.
Bruderer: Ich verstehe, dass Einwanderung ein Thema ist. Gerade deshalb müssen wir in der Schweiz in die Menschen investieren, in ihre Aus- und Fortbildung, damit sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Deshalb ist das Thema Bildung so zentral. Es sind schlecht qualifizierte Arbeitskräfte, die es besonders schwer haben, sich im Arbeitsmarkt zu behaupten.

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Beobachter: Wo steht die Schweiz in fünf Jahren?
Bruderer: Wir müssen aus der Krise lernen. Die Schweiz wäre etwa prädestiniert, in Sachen weltweite Regulierung des Finanzmarktes eine aktive Rolle zu spielen.

Beobachter: Dafür scheint die Politik doch viel zu schwach.
Bruderer: Lange wurden Politik und Staat schlechtgemacht. Zu Unrecht. Ich glaube, die Leute sind jetzt aufgewacht, sie mussten schmerzlich erleben, wie die Gewinne der Wirtschaft privat kassiert, die Verluste aber am Ende dann doch vom Staat getragen wurden. Es braucht gewisse staatliche Vorgaben, um Fehlanreize zu verhindern. Ich bin keine Etatistin, die glaubt, der Staat könne alles richten. Aber er hat eine wichtige Funktion, und die darf nicht länger kleingeredet werden.

Beobachter: In den zehn Jahren, in denen Sie Politik betreiben: Was hat sich positiv verändert?
Bruderer: Drei Frauen präsidieren 2010 in der Schweiz gleichzeitig Bundes-, National- und Ständerat. Und das ohne grosses Aufsehen, nachdem es diese Konstellation rund 150 Jahre lang ausschliesslich mit Männern gab. Das wäre vor kurzer Zeit noch nicht so selbstverständlich gewesen. Auch in ökologischen Fragen hat sich viel getan.

Beobachter: Aber trotzdem wird die Schweiz in rasantem Tempo verbaut.
Bruderer: Sie haben das Interview begonnen mit der Aussage, dass Sie mich bemitleiden. Nun geht es mir umgekehrt: Ich habe Mitleid mit Ihnen, weil Sie nur die negativen Entwicklungen und Probleme sehen.

Beobachter: Weil es sie gibt. Auch die Schere zwischen Arm und Reich tut sich immer mehr auf. Wir entfernen uns von den Zielen, die vielleicht auch einmal Ihre Ziele waren.
Bruderer: Mit Verlaub: Das sind immer noch meine Ziele. Gerade die ungerechte Verteilung von Chancen beschäftigt mich sehr. Aber die Einstellung, man könne ja eh nichts tun, drängt einen in eine Defensivecke, die über haupt nicht gerechtfertigt ist. Ich bin nicht bereit, schwarzzumalen und den Leuten zu sagen: Es wird ganz schlimm, Punkt.

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Beobachter: Sind Sie nie frustriert über den langsam mahlenden Politikbetrieb?
Bruderer: Doch, natürlich gibt es diese Momente. Und es gibt politische Niederlagen. Aber ich bin Sportlerin genug zu wissen, dass man am Schluss nicht immer auf der Seite der Gewinner stehen kann. Wichtig sind auch kleine Fortschritte – und diese sind möglich, auch in diesem Jahr. Sie haben recht: Es gelang uns bisher nicht, die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Aus sozialer Sicht wird 2010 ein Schlüsseljahr. Es geht dabei nicht nur um das soziale Netz. Es braucht auch und vor allem eine Aus- und Weiterbildungsoffensive. Hier waren wir zu defensiv.

Beobachter: Politisieren Frauen anders als Männer?
Bruderer: Nein. Wie man zum Beispiel einen Rat präsidiert, ist nicht geschlechtsspezifisch.

Beobachter: Was ist wichtiger in der Politik: das Argument oder die Ausstrahlung?
Bruderer: Das Argument.

Beobachter: Wie muss man sich das vorstellen: dass man in der Wandelhalle zum politischen Gegner geht und ihn zu überzeugen versucht?
Bruderer: Es gibt in allen Parteien Politiker, die gern auf den Gegner zugehen. Und solche, die lieber in ihren vier Wänden bleiben. Ich ver suche immer, auch die Brille des andern aufzusetzen und mich mit dessen Meinung auseinanderzusetzen. Weil ich mit gehörlosen Onkeln aufgewachsen bin, lernte ich von klein auf, dass ich das, was ich im Schulzimmer meinen Freundinnen erzählte, meinen gehörlosen Verwandten anders erzählen musste, damit sie es verstanden. Kommunikation ist in der Politik entscheidend. Man kann noch so gute Ideen haben, das Argument kann noch so gut sein – wenn man es nicht rüberbringt, ist es nicht viel wert. Das gefällt mir an der Politik.

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Beobachter: Wer ist Ihr politisches Vorbild?
Bruderer: Ich habe keines. Es gibt vorbildliche Charakterzüge bei verschiedenen Menschen, aber ein eigentliches Vorbild habe ich nicht. Das heisst aber nicht, dass ich nicht von Leuten geprägt wäre.

Beobachter: Von Politikerinnen, die Sie bewundern?
Bruderer: Von Politikerinnen mit bewundernswerten Eigenschaften. Zum Beispiel die Herzlichkeit und ausgeprägte Menschlichkeit von Ruth Dreifuss. Das beizubehalten, diese warme Seite, finde ich bewundernswert.

Beobachter: Sie wirken stets sehr ausgewogen, haben etwas Weiches. Ist Frau Bruderer vielleicht zu weich für die harte Politik?
Bruderer: Was ich mich schon ab und zu frage: Was für eine dicke Haut brauche ich? Ist meine zu dünn? Aber wer sich eine elefantendicke Haut zulegt, spürt nicht mehr, was um ihn herum läuft. Ich hinterfrage mich oft, sehr oft. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, wo ich sage: Jetzt bräuchte es tatsächlich eine dickere Haut. Dann mag es ein Vorteil sein, schon so jung in die Politik eingestiegen zu sein, weil man getrost sagen kann: Jetzt ist es Zeit zu gehen. Es gibt nichts Schlimmeres für die Politik als frustrierte Politiker.

Beobachter: Werden Sie eigentlich auch mal wütend?
Bruderer: Ach ja. Sicher. Natürlich lasse ich Gefühle zu. Die Frage ist nur, in welchem Moment man sie auf welche Art zeigen soll. Früher im Handball nach einem Foul rief ich aus. In der Politik werde ich nicht laut, sondern versuche zu überzeugen. Ich bin keine, die ausflippt, wenn jemand eine andere Meinung hat.

Beobachter: Sind die Schweizer in internationalen Verhandlungen zu anständig?
Bruderer: Ich glaube nicht, dass man zu anständig sein kann. Hart in der Sache, anständig im Ton, das ist meine Devise.

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Beobachter: Sie haben einen Wunsch frei für die Schweiz im Jahr 2020.
Bruderer: Nur einen?

Beobachter: Nun gut: also drei.
Bruderer: Erstens einen Wahnsinnsschub für die Aus- und Weiterbildung. Zweitens einen Effort bei den erneuerbaren Energien, zum Beispiel viel mehr Solarpanels auf Schweizer Hausdächern. Und drittens mehr Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt. Generell: mehr Brücken in der Gesellschaft – und weniger Mauern.

Beobachter: Und wo sehen Sie sich selber in zehn Jahren?
Bruderer: Wie alt bin ich dann, 42? Was mir in den Sinn kommt, ist mir ein bisschen zu privat.

Beobachter: Familie?
Bruderer: Schauen wir mal. Man weiss nicht, wie es kommt. Aber wenn ich weiter eine Arbeit machen kann, die mir so viel Freude bereitet wie die Politik, bin ich zufrieden.