Bei Nationalhymnen hört der Spass auf. Die deutsche hätte mich mal beinahe den Job gekostet.

Doch zunächst zur Schweiz: Wir sollen eine neue Hymne erhalten, und auch das ist todernst. SVP-Politiker und «Weltwoche» befürchten, dass der Nachfolger des Schweizerpsalms ein «politisch korrekt geföhntes Liedchen» wird.

Bisher handelt es ja von Alpenfirn, Abendglühn, Nebelflor und Gewitternacht. Phänomene, die im Prinzip allseits akzeptiert sind; nicht einmal sogenannte Klimaskeptiker würden sie als Märchen der Linken und Netten abtun. Ein harmloser Text also, mit dem sich – bei etwas gutem Willen – auch lauwarme Patrioten problemlos identifizieren können.

Der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft reicht das allerdings nicht. Sie findet den Schweizerpsalm nicht zeitgemäss und hat mehr als hundert Vorschläge für eine neue Hymne gesammelt, die sich an der Präambel der Bundesverfassung orientieren soll. Das klingt gar nicht gut.

Wie soll man denn den «Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben», in zeitlos gültige Poesie kleiden? Und kann man einen Refrain über das «Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen» wirklich schmissig darbieten?

Die SVP-Mahner haben wohl recht mit ihren Befürchtungen. Einerseits.

Anderseits: Ob man nun vom Vahahaterland oder vom Mihihigrationshintergrund singt, ist letztlich nicht matchentscheidend. Wer grübelt schon über Texte, wenn Hymnen feierlich erklingen (und gleich Anstoss zum Länderspiel ist)?

Neonazis und Jimi Hendrix

Hymnen werden sowieso erst interessant, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll. Wenn die Kapelle beim Staatsbesuch flott die falsche Melodie intoniert. Wenn Neonazis eine verbotene Strophe singen. Wenn jemand die Hymne musikalisch zerfetzt wie Jimi Hendrix in Woodstock.

Oder wenn man sie auf die leichte Schulter nimmt wie ich damals.

3. Oktober 1990, mein dritter Arbeitstag als Volontär einer deutschen Zeitung – und Tag der Wiedervereinigung. Das Fernsehen sendete stundenlang live aus Berlin. Ich dagegen hatte die Aufgabe, von einer Stadtteil-Veranstaltung zu berichten, bei der Weltgeschichte quasi auf die lokale Ebene heruntergebrochen wurde, wie es im Medienjargon heisst.

Angesichts der TV-Konkurrenz sah das so aus: reichlich Honoratioren auf dem Podium, aber praktisch kein Publikum. Als die Nationalhymne brüchig angestimmt wurde, blieb ich leichtsinnigerweise sitzen und machte Notizen über die skurrile Szene. Einer der Honoratioren befahl mir, gefälligst zu singen. Nicht mit mir!

Am nächsten Tag zitierte mich der Chefredaktor zu sich und stellte mich vor die Wahl: entweder eine schriftliche Entschuldigung bei den Honoratioren oder die fristlose Entlassung. Ich schloss messerscharf: Mit Hymnen ist wirklich nicht zu spassen.

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