Ist es nicht eigenartig? Die Museen zeigen landauf und landab eine Fülle von Zeitdokumenten, die den Alltag unserer Vorfahren in den wichtigsten Lebensbereichen darstellen: Kleidung, Wohnung, Literatur, Essen, Heirat. Nur über das Sterben findet man fast nichts – ausser ein paar Andenken an die Toten und etwas Grabschmuck. Die Bestattung wird ausgeklammert, weil sie für viele Leute ein schwieriges Thema ist, mit dem man sich zu Lebzeiten nicht gern konfrontiert – ein Tabu, das man lieber verdrängt.

Auf mich trifft das nicht zu. Für mich gehört der Tod zum Leben, er ist mein täglich Brot. Fast vierzig Jahre lang habe ich hier auf dem Friedhof Hörnli in Basel als Gärtner und Bestatter gearbeitet. Heute bin ich 59 und pensioniert. Der Rücken tut weh, auch die Achsel. Aber ich lebe noch immer in der Dienstwohnung direkt über dem Krematorium.

Jeden Morgen stehe ich um fünf Uhr auf, denn ich arbeite teilzeitlich als Busfahrer. Vor allem aber bin ich Konservator an unserem Friedhofsmuseum und muss schauen, dass unsere Sammlung à jour bleibt und bei den Führungen, die ich selber leite, eine Gattung macht.

Begonnen hatte alles 1962. Es war an einem kalten Wintertag, als mir mein Chef sagte: «Jetzt gehst du aufs Urnenfeld und schlägst mit dem Hammer alle Urnen zusammen!» Ich gehorchte und begann mit der Arbeit, hatte aber grosse Hemmungen dabei. Die besonders schönen Stücke konnte ich einfach nicht kaputtmachen. Ich war überzeugt, wertvolles Kulturgut in den Händen zu haben. Also schaffte ich die besten Exponate heimlich beiseite und stellte sie im Schuppen auf ein Regal.

Ich fragte auch immer wieder Freunde, Bekannte, Berufskollegen und Bestattungsunternehmer in der ganzen Schweiz nach Fundstücken. So kam über die Jahrzehnte hinweg eine Vielzahl von Grabgegenständen zusammen.

Heute wird das Friedhofsmuseum von einem Verein geführt, der rund zweihundert Mitglieder zählt und eine Sammlung verwaltet, die für die Schweiz und Europa einzigartig ist: Wir haben über hundertfünfzig Urnen aus allen Zeitepochen, gegen zwanzig historische Leichenwagen aus fast allen Regionen der Schweiz, dazu Särge, Kreuze, Grabbeigaben und vieles mehr.

Ich trage alles zusammen, was mir interessant erscheint – selbst wenn ich die Objekte in meiner Werkstatt zuerst tage- und nächtelang mühsam restaurieren muss. So sammle ich etwa auch Gartenmaschinen, Dampfmotoren, Elektrogeräte – ja sogar den ersten Ofen, den unser Krematorium angeschafft hatte und den man entsorgen wollte, habe ich für die Nachwelt erhalten. Ich bin ein fanatischer Sammler.

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«Man nannte mich Alteisensammler»
Früher hatte ich einen Ubernamen: Man nannte mich den «Alteisensammler». Denn jedes Mal, wenn wir Gräber aufmachten, stocherte ich aus dem übrig gebliebenen Gebein das Metall hervor: Hüftprothesen, Knochenschienen oder Herzschrittmacher. Auch diese habe ich säuberlich in eine Vitrine gelegt.

Grabgegenstände geben wertvolle Hinweise auf das Leben in der jeweiligen Epoche. Noch vor fünfzig Jahren waren beispielsweise die Herzschrittmacher so gross wie eine Zigarettenschachtel. Heute haben sie das Format eines Zündholzbriefchens. Auch bei den Prothesen und Knocheneisen haben sich die Materialien und die Fertigung stark verändert.

Wenn man all die vielen Gegenstände in einer Reihe im Schaukasten sieht, erhält man ein eindrückliches Abbild des technischen Fortschritts der letzten hundert Jahre. Das gilt auch für die Urnen: Ich habe Exemplare aus der ganzen Welt zusammengetragen und kann damit die Geschichte der Kremation seit 1900 dokumentieren.

Die Urnen aus Italien zum Beispiel waren aus Ton gefertigt und reich verziert. In Australien oder den USA hingegen wurden simple Metallbüchsen und Kunststoffboxen eingesetzt.

Auch die Särge unterscheiden sich markant. Wir haben in unserer Sammlung einen antiken Transportsarg, der aus Weiden geflochten und fürs gemeine Volk bestimmt war – oder zwei Metallsärge mit luxuriöser Innenausstattung, die den Toten aus der Oberschicht vorbehalten waren.

In unserem Museum zeigen wir auch wahre Raritäten. Aus der Jahrhundertwende haben wir Trauerbilder und Gedenkschmuck aus menschlichen Haaren. Den Toten – vor allem den Frauen – wurde ein Teil der Kopfhaare abgeschnitten, um daraus Bilder zu fertigen und Zöpfchen zu flechten.

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Interessant ist auch eine Urne aus dem Jahr 1898. Darin befindet sich die Asche der allerersten Kremation im «Hörnli» – die Probeverbrennung eines anonymen Toten, den das Anatomische Institut der Universität Basel gestiftet hatte.

Vor allem die Leichenwagen faszinieren mich. Sie sagen sehr viel über die Zeit aus, in der sie gebaut wurden. Früher hatte jedes Dorf und jede Stadt eine Bestattungskutsche, die ausschliesslich für diesen Zweck bestimmt war. Der beste Wagner im Ort fertigte die Räder, der beste Schreiner die Karosse, der beste Maler machte die Lackierung, der beste Schmied die Lenkung. Die Leichenwagen waren die Visitenkarte des örtlichen Gewerbes.

Das Museum besteht seit Sommer 1995. Es ist in der Regel jeden ersten und dritten Sonntag im Monat geöffnet. Durchschnittlich haben wir 1600 Besucher pro Jahr. Auf Anfrage mache ich geleitete Führungen für geschlossene Gruppen. Und weil ich den Friedhof Hörnli sehr gut kenne, bin ich nicht nur fürs Museum da, sondern auch Anlaufstelle für alle, die irgendeine Frage zum Friedhof haben.

Kontakte in ganz Europa
Ich engagiere mich Tag für Tag dafür, dass die Idee des Friedhofsmuseums bei uns mehr Anerkennung findet. Mein Traum wäre, die Sammlung noch um dreihundert Quadratmeter zu vergrössern. Dazu sind wir aber auf Gönner angewiesen.

Ich schaue mich auch im Ausland um: In Budapest, Den Haag, London, Wien und Kassel haben wir Beziehungen zu Partnermuseen geknüpft. Denn wer weiss, vielleicht hat dort ja einer einmal ein Stück auf Lager, das mir in meiner Sammlung noch fehlt.