Der Entschluss, ihren dreijährigen Sohn Martin zur Adoption freizugeben, wird den Eltern Keller (Namen der Betroffenen geändert) ein Leben lang auf der Seele liegen. «Nach dem zermürbenden Kampf mit Ämtern und Gerichten sind wir psychisch am Ende und sehen keine andere Möglichkeit», liessen sie die Vormundschaftsbehörde schriftlich wissen. Es hätte ihnen das Herz gebrochen, Martin weiterhin nur besuchsweise in der religiös ausgerichteten Pflegefamilie aufwachsen zu sehen, ohne auf die Erziehung Einfluss nehmen zu können. Beide Elternteile sind hörbehindert. Die heute 36-jährige Mutter beherrscht die Gebärdensprache. Der drei Jahre jüngere Vater artikuliert sich dank der Erziehung im Elternhaus ausserdem brockenweise auf Hochdeutsch und arbeitet als Informatiker beim Bund.

Nach der Geburt ihres Sohnes vor drei Jahren waren die jungen Eltern doppelt glücklich: Martin hatte keine Hörbehinderung. Doch schon auf der Säuglingsstation kam es zwischen der Mutter und dem Betreuungsteam zu Verständigungsschwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Insbesondere sorgten die Eltern für Irritation, als sie sich kurzfristig für einige Tage zur Erholung abmeldeten und das Kind, eine Frühgeburt, so lange im Spital in Pflege liessen.

Die Fachstelle für Kindesschutz und Opferhilfeberatung informierte umgehend die Vormundschaftsbehörde. Der Grund: Bei der täglichen Pflege des Säuglings im Spital habe sich gezeigt, dass die Mutter nicht in der Lage sei, ihr Kind selbstständig zu betreuen, und auch jegliche Hilfe ablehne. Daraufhin wurde ihr die Obhut entzogen, und die Vormundschaftsbehörde Winterthur ernannte eine Beiständin.

Als die Eltern nach ihren Ferientagen den Säugling nach Hause holen wollten, verweigerte das Spital die Rückgabe. Wenig später wurde das Kind in eine sozialpädagogische Pflegefamilie im Kanton Thurgau platziert - für Kellers ein Schock. Die Reise von Winterthur in den Hinterthurgau war mit den öffentlichen Verkehrsmitteln umständlich. Zudem fühlte sich die hörbehinderte Mutter von Anfang an von den Pflegeeltern unverstanden. Diese wiederum warfen ihr eine abweisende Haltung vor. So verzichtete die Mutter ganz auf die Kontakte und überliess sie dem Vater.

Quelle: Ursula Meisser

Weil die Besuche immer auf einen Nachmittag unter der Woche festgelegt waren, musste der Vater bei seinem Arbeitgeber ein Gesuch stellen - auf Kosten des Ferienguthabens. Seine Mutter begleitete ihn jeweils und freute sich über die Entwicklung ihres Enkels. Sie setzte sich immer wieder dafür ein, dass Martin wenigstens jedes zweite Wochenende zu Hause verbringen sollte, und erklärte sich stets bereit, bei der Betreuung mitzuhelfen.

Die Freude war gross, als Martin im Herbst 2005, mittlerweile zweijährig, sein erstes Wochenende zu den Eltern durfte. Umso grösser war die Enttäuschung, als die Beiständin Trudi Epp weitere Besuche strich. Sie berief sich auf einen ärztlichen Bericht, laut dem bei den Eltern höchstwahrscheinlich etwas passiert sei, «das Martin psychisch sehr stark belaste». Die Grossmutter verstand die Welt nicht mehr. «Alles verlief harmonisch», erklärte sie. Man habe den Eltern gar keine Chance geben wollen, ihren Sohn selbstständig zu betreuen: «Hörbehinderte werden schnell einmal als geistig zurückgeblieben eingestuft.» Dem hält die Vormundschaftsbehörde Winterthur entgegen, oberstes Prinzip sei stets gewesen, «eine Gefährdung des Kindeswohls auszuschliessen».

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Ganz aus der Luft gegriffen ist die Vermutung von Grossmutter Keller allerdings nicht. Die Pflegefamilie führt in ihrem therapeutischen Konzept nämlich aus, es gehe in der «Elternarbeit» aufgrund des langzeitlichen Charakters der Platzierungen «nicht primär um Rückführungsfragen». Deshalb seien maximal zwei Besuche im Monat vorgesehen, «in der Regel bis zum Erwachsenwerden».

Martin lebte schon zwei Jahre von Amts wegen im Thurgau, als sein Vater im Internet zufällig aufs Betriebskonzept der sozialpädagogischen Pflegefamilie stiess: «Wir orientieren uns an vielfältigen fachlichen Grundlagen und an dem Evangelium von Jesus Christus», stand hier zu lesen. Tisch- und Abendgebete sowie Gottesdienst- und Sonntagsschulbesuche gehören zur Tagesordnung. Jetzt war für die Eltern auch klar, warum Martin alle christlichen Festtage wie Weihnachten oder Ostern nie bei ihnen zu Hause feiern durfte.

Der Vater fühlte sich hintergangen. «Man hat uns Eltern nicht über diese religiöse Ausrichtung informiert, geschweige denn dazu unsere Meinung eingeholt», empört er sich. Er selber ist konfessionslos, Martin nicht getauft. Im letzten Frühling gelangte er ans Zürcher Obergericht mit der Forderung, sein Sohn sei in eine andere, leichter erreichbare und jedenfalls religiös neutrale Pflegefamilie zu verbringen und Trudi Epp als Beiständin abzusetzen.

Was erst während der Gerichtsverhandlung ans Licht kam, verbitterte die Eltern zusätzlich: Ohne ihr Wissen verbrachte Martin jedes zweite Wochenende bei einer Familie im Zürcher Oberland, die der Evangelischen Brüdergemeinde angehört. Und der Pflegevater wählte als externen Fachberater und Supervisor ein Mitglied der Freien Evangelischen Gemeinde in Wetzikon.

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«Ein ausgesprochener Glücksfall»

Immerhin rügte das Zürcher Obergericht, «eine staatliche Behörde, die Fremdplatzierungen in einer derart religiös geprägten Familie vornehmen will, müsste wohl langfristig auf eine neutrale Supervision drängen». Es forderte «Sicherungsmöglichkeiten», die gewährleisten, dass sich die Pflegefamilie nicht die Kompetenzen der Eltern anmasst und die religiöse Erziehung des Kindes für sich beansprucht. Die Beiständin habe dafür zu sorgen, dass auch in der Ersatzfamilie «keine unzulässigen religiösen Einflussnahmen stattfinden». Entsprechend sei ihr Pflichtenheft zu ergänzen. Epp selber gab zu bedenken, für Martin liessen sich kaum andere Unterbringungsmöglichkeiten finden. Die jetzige sei «ein ausgesprochener Glücksfall», weil der Pflegevater die Gebärdensprache «einigermassen beherrsche» und sich so mit dem Kindsvater unterhalten könne.

Der Gerichtsbeschluss ist nun hinfällig geworden, das Argument der Gebärdensprache ohne Belang. Die Eltern Keller waren des Kampfes endgültig müde. Sie liessen nach der ersten Zustimmung zur Adoption auch die Bedenkfrist verstreichen und gaben alle Spielsachen ihres Sohnes weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber für immer im Herzen.

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