Die beiden sind so vertraut miteinander, dass sie reden wie aus einem Mund. Sie sagt einen Satz. Er sagt einen Satz. Die Sätze gleiten nahtlos ineinander wie bei einem Reissverschluss, kein «Chrüsimüsi». Erika (67) und René (71) Hegetschweiler sitzen auf dem roten Sofa in der Wohnstube, Schulter an Schulter. Aus seinen dunklen Knopfaugen hinter Brillenglas leuchtet der Humor – den kann er brauchen, die Schicksale der fünf Pflegebedürftigen, die im unteren Teil der Wohnung leben, sind hart. 15 Jahre lang hat das Ehepaar Schwerstkranke in der «Oase» in Zufikon AG in den Tod begleitet. Nachdem ihr 30-jähriger Sohn an Aids gestorben war, stellten sie ihr Leben um. Der Vater gab damals seine Litho-Firma mit zehn Angestellten auf. Sie erhielten sogar den «Freiämter Rotkreuzpreis» für ihr Engagement im 5-Betten-Heim. Trotz ihrem harten Schicksal hätten die beiden nicht resigniert, lobte der Redner damals.

Was das Schicksal nicht zuwege brachte, schafft nun die Bürokratie. «Fokusfelder» heisst der stille Feind, «Qualitätsmanagement» und «Qualitätsreporting». All das fordert das neue kantonale Pflegegesetz.

Jedes Glas Milch soll dokumentiert werden

Die Folge: Nach 15 Jahren Praxis ohne Beanstandungen sollen die Hegetschweilers plötzlich um eine Betriebsbewilligung ersuchen. Das werden sie nicht tun. Sie sollen auch Hauspläne und Führungsnachweise liefern, Leitbilder, Konzepte, Statuten umformulieren, neu formulieren, überhaupt formulieren. Sogar Strafregisterauszüge beibringen. «Ich finde das alles ziemlich gestört. Ein einwandfreier Leumund bedeutet noch nicht, dass jemand fähig ist, Menschen zu pflegen.» Sie bebt vor Empörung. «Der viele sinnlose Bürokram hat mit der Pflege wenig zu tun», brummts unter seinem Schnauz hervor.

Künftig müsste die Arbeit bis in jedes i-Tüpfelchen dokumentiert werden, etwa «der selbstreflexive gemeinsame Lernprozess», fordern die Experten in ihrem blasierten Expertendeutsch. «Wir müssten einen Briefkasten einrichten, damit sich Patienten schriftlich beschweren können.» Sie verwirft die Hände. «So ein Unsinn. Bei nur fünf Patienten bespricht man Probleme sofort untereinander oder am Tisch», erklärt sie, die 14 Jahre lang die Damenriege leitete. Ein weiteres Beispiel: Eine Diabetikerin trinkt abends ein Glas Milch, um nachts keine Unterzuckerung zu riskieren. «Die Prüfungsexperten sagten uns, dies sei eine ärztliche Verordnung und müsse darum auch täglich schriftlich festgehalten werden. Mit Mengenangabe, Unterschrift der Pflegenden und Erfolgsmeldung. Ausserdem mit Unterschrift des Hausarztes.»

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Gleichzeitig Zufall oder nicht meldet sich das Statistische Amt des Kantons Aargau. «Auf der beigelegten CD-ROM ist das Programm in entzipter Form enthalten», schreibt das Amt. Beigelegt: Somed Stand-Alone-Applikation Version 2.0., Installationshandbuch zu Somed Stand-Alone-Applikation Version 2.0., Benutzerhandbuch zu Somed Version 2.0. Der Appetit des Amtes ist unersättlich.

Erika Hegetschweiler kann nicht glauben, «was da abläuft»: «Es ist offenbar wichtiger geworden, viele Standards, Listen und Papier zu füllen, statt die Leute zu pflegen.» In ihrem Heim können die Kranken sogar Eile mit Weile mit den Pflegerinnen spielen. Das sei doch wichtiger.

Das Heimleiterpaar packt mit an, richtet Medikamente her, hält Nachtwache, begleitet Menschen in den Tod. «Wir haben seit 15 Jahren die Taxen nicht erhöht. Es sind solche Kontrollexzesse, die die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben.» Eine Firma habe angeboten, das geforderte Management zu übernehmen: für 110'000 Franken.

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So etwas können die beiden kaum fassen. Sie, die sich nicht mal eine Bürokraft leisten können.

Was sagt das Amt? «Wir möchten, dass die Leistungen vergleichbar werden und Aussenstehende, die einen Heimplatz suchen, die Gewähr für eine einwandfreie Leistung erhalten», so der soeben zurückgetretene Aargauer Gesundheitsdirektor Ernst Hasler. Andere Kleinstheime erfüllten die Auflagen «problemlos». «Wir haben ein transparentes und für die Heime einfaches System geschaffen.»

Hegetschweilers sind da anderer Meinung. Nach 15 Jahren Praxis werden sie nicht um eine neue Betriebsbewilligung nachsuchen. Und die «Oase» für fünf Schwerkranke wohl aufgeben.