Zwischen 1995 und 2001 tötete der 35-jährige Krankenpfleger Roger A. 27 Heimbewohnerinnen in den Kantonen Luzern, Obwalden und Schwyz. Als Motiv gab er Mitleid und Überforderung an. Es handelt sich um den bisher grössten Fall von Patiententötung in der Schweiz. Ruth Lindenmann betreute damals die Hotline für Angehörige und Pflegende. Der Fall kommt am 21. Januar vor Gericht.

Beobachter: Laut einem Bericht der Sozialdirektion Luzern stiess Roger A.s Verhalten in breiten Teilen der Bevölkerung auf Verständnis. Wie erklären Sie sich das?
Ruth Lindenmann: Die Angst, pflegebedürftig und abhängig zu werden, ja ausgeliefert zu sein, ist gross. Aus dieser Perspektive ist das Verständnis nachvollziehbar. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die erklärte, sie wünschte sich dereinst auch einen Roger A., der sie erlöse. In Diskussionen mit Pflegenden spürte ich hingegen eine energische Distanzierung von der Tat. Eine solche Serientötung ist durch nichts zu rechtfertigen und hat mit Sterbehilfe nichts zu tun. Sterbehilfe ist rechtlich geregelt.

Beobachter: Die Qualitätssicherung ist zu Recht am Patienten orientiert. Ist das Pflegepersonal dadurch systematisch überfordert?
Lindenmann: Innerhalb eines Teams ist der gegenseitige Austausch unbedingt notwendig. Es geht nie nur um den Menschen, der im Bett liegt, sondern immer auch um den Menschen, der ans Bett kommt. Heute hat sich in den Pflegeheimen ein professionelles Bewusstsein durchgesetzt. Bei so genannten Fallbesprechungen kommen nicht selten auch die pflegenden Personen und ihre Probleme zur Sprache: Die Belastbarkeit ist ein Thema. Diese Gespräche finden teils regelmässig statt, können aber auch kurzfristig von Pflegenden verlangt werden.

Beobachter: Reicht das aus, um Übergriffe zu verhindern?
Lindenmann: Pflegende müssen auch zur eigenen Seele Sorge tragen. Auch bei Führungspersonen hat diesbezüglich eine starke Sensibilisierung stattgefunden. Wenn sich Mutlosigkeit und Abstumpfung breit machen, wenn die Heimbewohnerinnen zur Belastung werden, dann sind dies Alarmzeichen. Hier ist auch die Führung herausgefordert.

Beobachter: Riskiert ein Angestellter nicht seinen Job, wenn er erklärt, er sei in einer bestimmten Situation überfordert?
Lindenmann: Wo alle permanent stark sein müssen, ist dieses Eingeständnis tatsächlich nicht ohne Risiko. In autoritär geführten Betrieben wird das eigene Befinden zur Privatsache. Manchmal hört man von Führungsleuten: «In unserem Betrieb gibts dieses oder jenes Problem nicht.» Wie soll man denn über etwas reden können, das es gar nicht gibt? Entscheidend ist hier, dass eine Führungsperson die Mitarbeitenden ernst nimmt und ihren Problemen – egal welchen – mit Wohlwollen begegnet. Die Betriebskultur ist entscheidend.

Beobachter: Ist Mitleid im Pflegeberuf hinderlich?
Lindenmann: Menschen haben glücklicherweise Mitleid. Die Frage ist, wie man mit seinem Mitleid umgeht. Mitleid kann auch bedeuten, dass man eigene Probleme auf andere überträgt. Das ist gefährlich, das verleitet zu Handlungen, die nichts mit dem Pflegebedürftigen zu tun haben. Ich würde sagen: Besser als Mitleid ist Mitgefühl. Hier kann ich meine Person zurückstellen und auf die wirklichen Bedürfnisse des andern achten.

Beobachter: Gefährdet der Spardruck die professionelle Pflegearbeit?
Lindenmann: Der Spardruck nagt oft genug am Budget der Weiterbildung. Diese aber ist zentral für die fachlich kompetente Pflege. Wenn der Druck so weit geht, dass beispielsweise Fallbesprechungen oder der Anteil an Pflegefachpersonen gestrichen werden, gefährdet dies eine professionelle Pflege.

Anzeige