Hans und Regine Achermann* verstanden die Welt nicht mehr: Für ihre Mutter, bald 91jährig und seit über zehn Jahren Pensionärin im Alters- und Pflegeheim Käppeli in Muttenz, wurde der Preis wegen zusätzlichen Pflegeaufwands letzten August auf einen Schlag um 75 Franken pro Tag erhöht. Monatliche Mehrkosten: 2325 Franken.

Genau ein Jahr zuvor traf es auch Felix Wefel*, einen Arzt im Ruhestand, der die finanziellen Angelegenheiten seiner 74jährigen Schwester und «Käppeli»-Pensionärin regelt: Zahlte er bis dahin einen Pensionspreis von 2900 Franken pro Monat, wurde der Kundin plötzlich ein Teilpflegekostenzuschlag von täglich 75 Franken in Rechnung gestellt – «ohne dass sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert hätte».

Die beiden Fälle stehen nicht allein. Die 83jährige Schwiegermutter der Ostschweizerin Nicole Bürgi trat am 1. April letzten Jahres ins «Käppeli» ein. Die betagte Frau war anerkanntermassen verwirrt – sie konnte Tag und Nacht nicht unterscheiden -, in vielen persönlichen Bereichen war sie aber noch selbständig.

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«Wir gingen davon aus, dass meine Schwiegermutter ein Nichtpflegefall sei», schildert Nicole Bürgi ihren damaligen Informationsstand. Nicht so das Heimmanagement, das die Frau als Pflegefall taxierte – macht täglich 150 Franken Kostenzuschlag. Die Rechnung für Bürgis: fast 8000 Franken pro Monat; die Krankenkasse zahlte magere 1200 Franken daran.

«Da ging etwas nicht mit rechten Dingen zu und her», sagt Nicole Bürgi noch heute. Am 8. August trat die Pensionärin aus dem «Käppeli» aus und fand im sanktgallischen Grabs Unterschlupf. Kosten seither: 4500 Franken pro Monat – fast 50 Prozent weniger als im «Käppeli».

Mangelnde Transparenz
Allen Fällen ist etwas gemeinsam: Den Angehörigen war eine Kontrolle von Preis und wirklich erbrachter Leistung nicht möglich. Grund: Das «Käppeli» arbeitete nach dem betriebswirtschaftlich überholten zweistufigen BAK-System (Bewohner-Arbeit-Kosten-System), das nur gerade zwischen Teil- und Vollpflege unterscheidet.

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Hat das Alters- und Pflegeheim unter dem Titel «Pflegekosten» Leistungen verrechnet, die gar nicht erbracht worden sind? Das jedenfalls vermuten einige Angehörige.

«Käppeli»-Leiterin Esther Stoll widerspricht: In einem Pflegeheim würden im Gegenteil immer wieder Leistungen erbracht, die nicht verrechnet werden.

Zu den drei Streitfällen erklärt Esther Stoll, Angehörige sollten durchaus mitdiskutieren können, müssten sich aber gleichzeitig an die «Spielregeln des Hauses» halten. Ihnen werde vor dem Eintritt der Pensionäre die Preisliste erklärt – freilich noch ohne verbindliche Angaben zur preiswirksamen Einstufung.

Periodische Uberprüfungen
Die Bewertung des Pflegeaufwands wird laut Stoll erst im Verlauf der ersten zwei Wochen nach Eintritt vorgenommen, danach erneut alle Vierteljahre: «Wenn es eine Veränderung gibt, auch zu unseren finanziellen Ungunsten, teilen wir dies den Angehörigen sofort mit.»

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Ohne die Fälle zu kennen, weiss Lore Valkanover, KVG-Spezialistin im Heimverband Schweiz, sofort Bescheid. «Angehörige haben bezüglich Pflegeaufwand oft eine andere Wahrnehmung als die Profis.» Es sei deshalb wichtig, «dass sich die Angehörigen bei den Heimverantwortlichen die Pflegebedarfs-Einstufung im Detail erklären lassen».

Obschon das BAK-System auch nach Meinung des Baselbieter Kantonsarztes Dominik Schorr «nicht ideal» ist, wird es weitergeführt – seit Jahresbeginn allerdings differenzierter, nämlich mit vier statt zwei Tarifstufen.

«Dabei gab es Gewinner und Verlierer», schildert «Käppeli»-Leiterin Stoll die Folgen der Anpassung. Zu den Gewinnern zählt etwa Felix Wefel. Die Preissenkung in seinem Fall ist enorm: Seit Anfang Jahr muss er für die Pflege seiner Schwester monatlich nur noch 899 statt 2325 Franken zahlen.

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Dennoch ist er unzufrieden: Er hat das ungute Gefühl, bisher massiv zuviel bezahlt zu haben – «zusammengerechnet geht es um fast 25'000 Franken». Für diesen Betrag will der Angehörige jetzt kämpfen, «denn die Krankenkasse unternimmt ja nichts».

«Wenn uns kein Angehöriger alarmiert, geht die Kasse nicht von sich aus auf die Piste», kontert Bernhard Sutter, Präsident des Verbands Basellandschaftlicher Krankenversicherer. Wer mit der Pflegebedarfs-Einstufung nicht einverstanden sei, so Sutter, könne sich an eine «frisch gebildete» paritätische Kommission wenden. Von dieser Kommission hat «Käppeli»-Chefin Esther Stoll aber noch nie gehört: «Eine paritätische Beschwerdeinstanz gibt es nicht.» Erste Instanz sei die Heimkommission. Darüber hinaus gebe es den kantonalen Ombudsmann.

Diese Stelle war es auch, an die sich Wefel mangels neutraler Beschwerdeinstanz wandte. Doch im Büro von Ombudsmann Louis Kuhn herrscht seit drei Monaten Funkstille.

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24 verschiedene Gesetze
«Am besten wäre eine gesamtschweizerische Ombudsstelle», fordert die Berner SP-Grossrätin und Anwältin Barbara Egger-Jenzer, die selbst als kantonale Ombudsfrau für Altersfragen amtiert. Für Schlichtungsfragen hat ihr Kanton eine unabhängige Beschwerdeinstanz ins Leben gerufen, der vor allem Fachleute angehören.

Merkwürdig mutet auch an, wie freimütig die Krankenversicherer ein Tarifsystem akzeptierten, das Intransparenz und Ermessenswillkür in sich birgt. «Für uns wäre ein möglichst einheitliches System schon wichtig», sagt Walter Frey, Sprecher des Konkordats Schweizerischer Krankenversicherer. Doch aus föderalistischen Gründen sei die Einführung eines landesweit gültigen und zentral überwachten Tarifsystems bis heute undenkbar. Die Berner Juristin Barbara Egger-Jenzer sieht das ähnlich: «Wir müssen uns im Schweizer Heimbereich mit 24 Modellen und 24 Gesetzgebungen abfinden.»

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Folge: Der Föderalismus in der Altersheimpolitik erstickt Forderungen nach gesamtschweizerischer Harmonisierung. Neben BAK und «Besa» werden in den Kantonen derzeit auch das amerikanische Modell RAI und die kanadische Lösung «Plaisir» diskutiert. Einstweilen können Angehörige freilich nur davon träumen, dass klare Einstufungen und Transparenz in der Alterspflege zum Regelfall werden.

«Strafpunkte» und andere IdeenZur Erfassung des Pflegeaufwands gibt es verschiedene Systeme. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie sind allesamt umstritten.

Berüchtigt sind die «Strafpunkte», die nur schon wegen einer verlegten Brille verteilt werden und die dann happige Aufschläge auf der Rechnung zur Folge haben.

Und trotzdem: Pflegeheime brauchen ein System, um den Pflegeaufwand bei den Bewohnerinnen und Bewohnern zu messen. Es dient einer verursachergerechten Kostenverrechnung, aber auch der Personalplanung und der Qualitätssicherung.

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Am weitesten verbreitet ist das vom schweizerischen Heimverband lancierte Besa-System. Es hat in 14 Kantonen (AG, AI, AR, GL, LU, OW, SG, SH, SO, TG, UR, VS, ZG, ZH) das weniger differenzierte BAK-System abgelöst. «Besa» erfasst den (zeitlichen) Pflegeaufwand und führt zur Einteilung in einen Pflegegrad von 1 bis 4, wobei 1 den geringsten, 4 den grössten Aufwand bedeutet.

Auch das «Besa» könnte aber schon bald zum «Auslaufmodell» werden. Der Kanton Solothurn führt im Jahr 2000 in seinen 45 Alters- und Pflegeheimen ein neues System ein. Es nennt sich RAI/RUG und leitet einen «Philosophiewechsel» in der Langzeitpflege ein.

RAI/RUG misst nicht mehr einfach den Aufwand, also die für den pflegebedürftigen Menschen geleisteten Arbeiten, sondern fragt zuerst nach seinen Bedürfnissen und dem Pflegebedarf.

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An diesem Bedarf orientieren sich dann die Pflegeplanung, die Qualitätssicherung und auch die Pflegekosten. Das Projekt könnte nationale Signalwirkung haben.