Der Rückzug des Schmerzmittels Vioxx ist der teuerste Flop, den die Pharmaindustrie je erlebt hat. Das Medikament gehörte weltweit zu den bestverkauften; 2,5 Milliarden Dollar setzte Hersteller Merck letztes Jahr damit um. Am Tag des Rückzugs verlor die US-Firma einen Viertel ihres Börsenwerts – rund 26 Milliarden Dollar. Die Entschädigungen, die die Opfer des Medikaments mit ihren Klagen erwirken dürften, werden sich ebenfalls auf Milliarden summieren.

Für Etzel Gysling, Arzt und Herausgeber der Fachpublikation «Pharma-Kritik», könnte der Fall Vioxx zum Wendepunkt werden: «Es ist dringend nötig, dass wieder die Patientensicherheit das Denken der Industrie bestimmt und nicht der Aktienkurs.» Gysling gehört seit Jahrzehnten zu den wenigen Experten, die die fragwürdigen Praktiken im Milliardengeschäft mit Arzneien kritisch beleuchten.

Bei Vioxx war die Ausgangslage für einen Boom günstig: Die herkömmlichen Schmerzmittel wie Voltaren, Ponstan oder Brufen bringen zwar Linderung, haben aber beträchtliche Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich. Deshalb war das Interesse gross, als im Frühjahr 1999 eine neue Generation von Antirheumatika auf den Markt kam. Die so genannten Cox-2-Hemmer sollten deutlich weniger Magen-Darm-Beschwerden verursachen, aber mindestens so wirksam sein wie bisherige Mittel. Im Abstand von zwei Monaten liess die Genehmigungsbehörde Swissmedic die Konkurrenzprodukte Celebrex und Vioxx zu – das Buhlen um die 1,5 Millionen Schmerzpatienten in der Schweiz begann.

Zum Wundermittel hochstilisiert
Da Publikumswerbung für rezeptpflichtige Medikamente hierzulande verboten ist, führte der Weg zum Kunden über die Medien. Wichtigster Protagonist war der TV-Arzt Samuel Stutz. Am 1. April 1999, wenige Tage nach der Zulassung von Celebrex, titelte die «Gesundheit Sprechstunde», das Magazin zur gleichnamigen Fernsehsendung: «Super-Aspirin: Die neuen Wunderpillen gegen Schmerzen». Autor des Beitrags war Stutz persönlich, als Kronzeuge trat Professor Peter Villiger auf, Direktor der Klinik für Rheumatologie und Immunologie am Berner Inselspital.

Villigers Botschaften hatten System. Die erste betonte die Nachteile herkömmlicher Schmerzmittel: «Weltweit kommt es jährlich zu rund 260'000 Hospitalisationen mit ungefähr 26'000 Todesfällen.» Die zweite lobte, was zu diesem Zeitpunkt erst ansatzweise belegt war: «Cox-2-Hemmer haben dieselben Vorzüge wie herkömmliche Schmerzmittel, aber ohne ihre Risiken auf den Magen-Darm-Trakt. Was die Sicherheit betrifft, sind sie ein Meilenstein.» Die dritte Botschaft schliesslich verlieh den neuen Medikamenten den Glanz einer Wunderpille: «Die Hoffnungen sind berechtigt, dass die Mittel wie ihre Vorgänger auch eine vorbeugende Wirkung gegen Alzheimer und bestimmte Krebserkrankungen haben.»

Schon 1999 unter Verdacht
Fünf Monate später publizierte Samuel Stutz praktisch denselben Artikel in der «Schweizer Illustrierten». Ende 2000 doppelte er gleichenorts nach. Diesmal hiess der Kronzeuge Professor Michael Fried, Leiter der Abteilung Gastroenterologie am Unispital Zürich: «Die neuen Rheumamittel sind aufgrund ihres besseren Nutzen-Risiko-Profils ein echter Fortschritt.» Die Botschaft kam offenkundig an: Innert zweier Jahre gehörten Celebrex und Vioxx zu den zehn umsatzstärksten Medikamenten in der Schweiz. Doch der Markt war längst nicht erobert: Drei von vier Patienten blieben bei den alten Mitteln. Die Marketingstrategen hatten also noch viel zu tun.

Im März 2001 veröffentlichte Professor Thomas Szucs, damals Leiter der Abteilung für medizinische Ökonomie am Zürcher Universitätsspital, eine Studie zu den Kosten, die die Nebenwirkungen der herkömmlichen Schmerzmittel verursachten. Das Resultat: 345 Millionen Franken pro Jahr. Finanziert wurde die Studie von Vioxx-Hersteller MSD (wie der Merck-Konzern in der Schweiz heisst), darin verpackt die Botschaft: Es lohnt sich, das deutlich teurere Vioxx anstelle eines alten Rheumamittels einzusetzen.

Fast zwei Jahre später bezog sich auch die «Schweizer Illustrierte» (SI) unter dem Titel «Die neuen Rheuma-Medikamente sind sicherer» auf diese Studie: «Die finanziellen Folgen der Nebenwirkungen werden durch diese Arbeit erstmals in Zahlen ausgedrückt.»

Doch der Wind hatte inzwischen gedreht – selbst im Medienhaus Ringier, das die «Gesundheit Sprechstunde» und die «Schweizer Illustrierte» herausgibt: Kurz vor dem SI-Artikel schrieb der «Blick»: «Laut Studien sind die viel gepriesenen Cox-2-Hemmer schlechter als ihr Ruf.»

Der Artikel nannte ausserdem jenen Verdacht, dem kritische Fachleute längst schon nachgegangen waren: Vioxx solle «das Risiko für Herzinfarkte und Thrombosen erhöhen». Erste Hinweise darauf gab es gemäss dem deutschen «Arzneimittel-Telegramm» bereits Ende 1999, also nur ein halbes Jahr nach der Zulassung von Vioxx in den USA. Im Oktober 2000 bestätigte sich der Befund aufgrund von Daten, die Merck der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA eingereicht hatte. Ein weiteres Jahr später kam eine Analyse im «Journal of the American Medical Association» zu einem vergleichbaren Ergebnis.

Der «freiwillige» Rückzug
Zu diesem Zeitpunkt lief bei Merck bereits die Studie, die letztlich zum Rückzug von Vioxx führte. Allerdings hatte diese gar nicht zum Hauptziel, die Risiken des Medikaments für Herz und Blutgefässe zu untersuchen. Vielmehr wollte das Unternehmen den Anwendungsbereich ausdehnen. Dafür nahmen 2600 Personen, die bereits einmal Darmpolypen hatten, während dreier Jahre Vioxx ein. Die Hoffnung dahinter: Das Medikament sollte das neuerliche Auftreten von Polypen verhindern.

Doch nach anderthalb Jahren begann das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Thrombosen zu steigen. Nach drei Jahren hatte es sich im Vergleich zu den Patienten, die ein Scheinmedikament erhielten, verdoppelt. Am 30. September zog Merck Vioxx zurück – «freiwillig», wie das Unternehmen betont.

So ganz freiwillig geschah dies allerdings nicht. Der US-Konzern, mit den dortigen scharfen Haftpflichtregeln bestens vertraut, wusste: Je länger das Medikament auf dem Markt blieb, desto höher würde die Zahl der potenziellen Opfer und damit die Zahl der potenziellen Klagen.

Pikantes Detail: Noch im Juni startete die Schweizer Niederlassung erneut eine Marketingoffensive für Vioxx. Gesundheitsökonom Thomas Szucs veröffentlichte, wiederum unterstützt von MSD, die Fortsetzung zu seiner Arbeit aus dem Jahr 2001: Über 320 Millionen Franken liessen sich jährlich sparen, wenn die Ärzte konsequent Cox-2-Hemmer statt herkömmlicher Schmerzmittel einsetzen würden.

Mittlerweile stehen neben der machtvollen Allianz von Industrie, Wissenschaft und Medien auch die Zulassungsbehörden, besonders die amerikanische FDA, in der Kritik. Im renommierten «New England Journal of Medicine» wird ihr Untätigkeit vorgeworfen. Ein zweiter Beitrag fordert, die Zulassungsbehörden müssten die anderen Cox-2-Hemmer sofort und sehr genau unter die Lupe nehmen – mit gutem Grund: Noch lässt sich nicht ausschliessen, dass auch Celebrex das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht.

Verbunden mit dieser Forderung ist der Ruf nach mehr Langzeitstudien für die Zulassung neuer Medikamente. Denn viele unerwünschte Effekte zeigen sich frühestens nach einem oder zwei Jahren – wenn Millionen Menschen behandelt worden sind. Viele Arzneimittel, die heute auf den Markt kommen, sind aber erst an mehreren tausend Menschen erprobt worden. Das heisst: Wer jeweils das neuste Medikament nimmt, ist immer auch Versuchsperson.

Ergebnisse von Studien geschönt
Umso wichtiger ist es, dass die Zulassungsbehörden sauber arbeiten. Was bei Swissmedic mangels Transparenz nur schwer zu kontrollieren ist. Deshalb fordert Markus Fritz, Mitglied der Eidgenössischen Arzneimittel-Kommission, dass die Behörde «nach der Zulassung eines Medikaments sämtliche Entscheidungsgrundlagen offen legen muss». Nur so liessen sich die Daten detailliert analysieren und allfälliger Handlungsbedarf erkennen: «Die Patientensicherheit ist wichtiger als das Interesse der Firma.»

Zudem fordern Fritz und Gysling ein öffentlich zugängliches Register, in das sämtliche klinischen Studien vor Beginn einzutragen sind – und danach auch alle Nebenwirkungen. Denn heute ist es üblich, dass Studien, die nicht zu den geplanten Resultaten führen, in der Schublade verschwinden. Oder dass Daten zurechtgebogen werden – wie es gemäss «Arzneimittel-Telegramm» bei zwei wichtigen Studien zu Celebrex und Vioxx geschah: «Kommerzielle Interessen» hätten hier «offensichtlich zur Schönung und Verfälschung wissenschaftlicher Erkenntnisse» geführt.

Weitere Infos
Wer Vioxx, Celebrex oder ein vergleichbares Schmerzmittel nimmt, sollte sich vom behandelnden Arzt beraten lassen. Weitere Auskünfte bietet auch die Schweizerische Medikamenten-Informationsstelle unter Telefon 0900 573 554 (Fr. 1.49/Minute).

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