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PharmaindustrieHilfe mit Hintergedanken

Medizinische Selbsthilfegruppen in der Schweiz erhalten Gelder aus der Pharmaindustrie.
Medizinische Selbsthilfegruppen in der Schweiz erhalten Gelder aus der Pharmaindustrie. Bild: Thinkstock Kollektion

Pharmafirmen unterstützen Schweizer Patienten-Selbsthilfegruppen mit mindestens zwei Millionen Franken jährlich. Am liebsten, wenn es um lukrative Krankheiten geht.

von Otto Hostettler

Das Katz-und-Maus-Spiel geht so: Wenn es Anzeichen gibt, dass ein neues Gesetz die Pharmaindustrie zu mehr Transparenz zwingen könnte, funktioniert plötzlich die Selbstregulierung. Jahrelang war nicht klar, wie sich die weit über 200 medizinischen Selbsthilfegruppen in der Schweiz finanzieren. Bei etlichen dieser Patientengruppen liegt die Vermutung nahe, sie hingen am Tropf der Pharma. Allen gemeinsam ist, dass sie trotzdem ihre Unabhängigkeit be­tonen. Doch viele verschweigen bis ­heute, woher sie ihr Geld haben – und reden lieber über ihren guten Zweck. Öffentliche Jahresberichte mit detaillierten Zahlen sind die Ausnahme.

Werbeplattform für Medikamente

Weil die Pharmabranche aber vor zwei Jahren einen Verhaltenskodex einführte und die Firmen seither ihre Unterstützungsbeiträge an Selbsthilfe­gruppen veröffentlichen, gibt es immerhin scheibchenweise mehr Transparenz. Allerdings existiert bis heute keine gemeinsame Datenbank. Jeder Konzern veröffentlicht seine Spenden und Sponsorenbeiträge individuell. Wer Klarheit will, muss sich die Informationen mühsam zusammensuchen.

Eine Analyse des Beobachters zu den 2014 veröffentlichten Zahlen von 18 wichtigen Pharmafirmen zeigt: Die meisten Gelder fliessen an diejenigen Selbsthilfegruppen, die sich um Pa­tienten mit lukrativen Krankheiten kümmern. Das ist kein Zufall, denn mit ihrem finanziellen Engagement können sich die Firmen bei ihrer Zielgruppe im Gespräch halten und neue Medikamente bekanntmachen. Diesen Trend dokumentierte der Beobachter bereits 2013.

Die Spenden der untersuchten Pharmafirmen summieren sich auf mindestens zwei Millionen Franken; sie setzen sich aus 130 Einzelspenden zusammen. Der überwiegende Teil dieser Sponsorengelder (1,4 Millionen Franken) fliesst zu Vereinigungen, die sich für Patienten mit Krebs, Rheuma, Diabetes, Lungenkrankheiten, Herzkrankheiten und multipler Sklerose (MS) einsetzen. In diesen Bereichen zeigen sich die Konzerne von ihrer grosszügigen Seite und überweisen teils Beträge von weit über 100'000 Franken. Die höchste Spende verzeichnet mit knapp 170'000 Franken die MS-Gesellschaft – von Biogen Idec.

Überhaupt war die Vereinigung der von multipler Sklerose Betroffenen überaus erfolgreich beim Beschaffen von Geldern. Die MS-Gesellschaft konnte von der Pharmaindus­trie über 30 Prozent mehr einstreichen als im Vorjahr. Die Sponsoringeinnahmen betragen nun fast eine halbe Million Franken.

«Strikt neutral und unabhängig»

Wie andere Patientengruppen betont auch die MS-Gesellschaft, man bleibe trotz diesen Zuwendungen neutral. Um das zu belegen, setzt sie die Einnahmen der Sponsoren ins Verhältnis zu den Gesamteinnahmen. Weil die Pharmagelder nur 3,5 Prozent aller Einnahmen entsprechen, sieht sich die MS-Gesellschaft in ihrer Unabhängigkeit bestätigt.

Ein anderes Bild zeigt sich, wenn man die Sponsoringeinnahmen mit den Mitgliederbeiträgen vergleicht: Bei der MS-Gesellschaft steuern die Pharmakonzerne praktisch gleich viel bei wie die Mitglieder. Trotzdem betont Geschäftsleitungsmitglied Thomas Balmer: «Strikte Neutralität und Unabhängigkeit von der Pharmaindustrie sind die Grundlagen unserer Arbeit.»

Das Verhalten der Pharmaindustrie bei der MS-Gesellschaft ist ein gutes Beispiel dafür, wie es läuft. Der Konzern Biogen Idec, der 170'000 Franken für die MS-Gesellschaft springen liess, brachte letztes Jahr in der Schweiz sein neues MS-Präparat Tecfidera auf den Markt. Schon 2012 liess Biogen Idec der MS-Gesellschaft 143'000 Franken zukommen. Das Geld ist gut investiert: Wechseln nur ein paar Dutzend der ungefähr 8000 betroffenen Patienten in der Schweiz zum neuen Medikament, sind die Spenden mehr als nur refinanziert. Eine Jahresbehandlung mit dem neuen Biogen-Präparat kostet rund 24'000 Franken.

Weil betroffene Patienten solche Medikamente etwa 15 bis 20 Jahre lang einnehmen – bis ihre Krankheit zu weit fortgeschritten ist –, buhlen die Firmen mit ihren Spenden bei der Selbsthilfeorganisation offensichtlich um Präsenz. Novartis spendierte der MS-Gesellschaft 116'000 Franken – und streicht mit dem MS-Präparat ­Gilenya mit jeder Jahresbehandlung rund 28'000 Franken ein. Gleich teuer ist Rebif, das MS-Medikament von Merck Serono. Auch dieser Konzern zeigt sich spendabel und überwies der MS-Gesellschaft 110'000 Franken.

«Das ist äusserst naiv»

Dass die Konzerne nicht aus reiner Nächstenliebe Geld überweisen, ist für Kritiker klar. Der dänische Facharzt für innere Medizin Peter C. Gøtzsche nimmt in seinem neusten Buch «Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert» kein Blatt vor den Mund: «Patientenorganisationen glauben meist, sie könnten zum beiderseitigen Nutzen Partnerschaften mit der Industrie eingehen. Das ist äusserst naiv. Patientenorganisationen und Ärz­te sollten gründlich darüber nachdenken, ob es ethisch vertretbar ist, Geld anzunehmen, das zum Teil mit Straftaten verdient wurde, die Patienten geschadet haben.» Gøtzsche, dem die Pharmafirmen jetzt Polemik vorwerfen, listet in seinem Buch ausführlich die Verfehlungen der Konzerne auf, die in den letzten Jahren wegen illegaler Vertriebsmethoden, Betrug oder Korruption Bussen in Milliardenhöhe bezahlen mussten.

Peter C. Gøtzsche führte selber jahrelang für Pharmafirmen klinische Studien durch und war in der Zulassung neuer Medikamente tätig. Der Medi­zinforscher ist heute Direktor des renommierten Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen. Gøtzsche: «Die Leiter von Patientengruppen gieren nach Medikamenten, von denen ich weiss, dass sie schädlich und viel zu teuer sind. Sehr oft starten sie Angstkam­pag­nen, die Hunderttausende von Patienten veranlassen, unnötige Medikamente einzunehmen.»

Für die Konzerne lohne es sich, führende Exponenten von Patientenorganisationen einer «Gehirnwäsche» zu unterziehen, weil diese lauter und aggressiver auftreten dürften als die Firmen. «Ich habe das oft erlebt, und es gehört zu meinen schlimmsten beruflichen Erfahrungen.»

Veröffentlicht am 2015 M01 20