Beobachter: Herr Wenger, werden Sie von den Jugendlichen akzeptiert, wenn Sie in der Szene auftauchen?
Daniel Wenger: Auf jeden Fall. Es gehört zu meinem Job, dass ich mit einer offenen Art und mit einer natürlichen Autorität auf die Jugendlichen zugehe. Wann immer möglich bin ich auf der Strasse unterwegs, besuche neuralgische Punkte wie Schulhaus- oder Sportplätze und Jugendtreffs und biete den Jugendlichen an, ihnen zu helfen, wenn sie Probleme haben.

Beobachter: Als Kriminalpolizist haben Sie es da wohl eher schwer?
Wenger: Ich arbeite in Zivil, das baut Berührungsängste ab. Eine lockere Atmosphäre ist wichtig. Ich trinke mit den Kids auch mal eine Cola. Viele haben ein falsches Bild von der Polizei: Einer fragte mich mal, wo denn unsere Folterkammer stehe. Solche Vorurteile versuche ich beim ersten Kontakt abzubauen, indem ich die Jungen über unsere Arbeit aufkläre. Ist die Vertrauensbasis geschaffen, öffnen sich viele.

Beobachter: Und sprechen über ihre Probleme?
Wenger: Ja. Sie kommen und fragen: «Haben Sie kurz Zeit?» Die Jungen befinden sich oft in schwierigen Situationen: Sie werden von Kollegen verprügelt, sexuell belästigt oder erleben häusliche Gewalt. Kürzlich kamen Kids zu mir, weil sie erpresst wurden. Andere Jugendliche hatten eine Strasse gesperrt und von ihnen Wegzoll verlangt. Das provoziert Gegengewalt. Ich höre ihnen zu, suche nach Lösungen und gebe Tipps. Das ist Prävention. Wenn nötig schalte ich die Jugendanwaltschaft ein, mit der wir eng zusammenarbeiten.

Beobachter: Gehen Sie auch zu den Jugendlichen nach Hause?
Wenger: Oft geht das gar nicht anders. Meine sechs Kollegen und ich setzen alles daran, rechtzeitig mit Kids zu sprechen, bevor sie in die Gewalt abdriften. Deshalb führen wir mit ihnen auch zu Hause Gespräche und klären sie über die Konsequenzen auf, die eine Strafanzeige hat. Bei der klassischen Ermittlungsarbeit befragen wir die jugendlichen Straftäter und machen Hausdurchsuchungen. Ist zu Hause der Vater betrunkener als der Sohn, ist das nicht nur für uns, sondern auch für die Vormundschaftsbehörde ein wichtiger Hinweis.

Beobachter: Was hat sich gegenüber früher verändert?
Wenger: Gewalt unter Alkoholeinfluss ist häufiger geworden. Jugendliche schlagen heute schneller, länger und härter drein. Liegt einer am Boden, wird er weitertraktiert. Die Täter werden immer jünger. Heute gibt es Mädchenbanden, die sich untereinander prügeln. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, unterrichten wir regelmässig in Schulklassen. Viele wissen nicht, dass Dreinschlagen eine Straftat ist.

Beobachter: Wie erkennen Sie, dass Sie Erfolg haben?
Wenger: Raubdelikte auf der Strasse zum Beispiel haben abgenommen, seit ich vor sieben Jahren mit meiner Arbeit begann. Ich merke täglich, dass ich ernst genommen werde: Kürzlich kam ein ehemaliger «böser Bube», den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, vorbei und stellte mir seine Freundin vor. Er ist offensichtlich vom kriminellen Weg abgekommen, hat nun einen Job und eine Wohnung. Solche Erlebnisse bestärken uns in unserer täglichen Arbeit.

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