Beobachter: Wer wird Polizist?
Jean Scheiben: Menschen, die sich aktiv für die Sicherheit ihrer Mitmenschen engagieren wollen.

Beobachter: Sind Polizisten Machtmenschen?
Scheiben: Natürlich gibt es Leute, die Polizist werden wollen, um Macht auszuüben. Unser Rekrutierungsverfahren hat aber zum Ziel, gerade diejenigen auszuschliessen, die Neigungen zu Machtgehabe zeigen. Rambotypen sind im Polizeidienst nicht erwünscht.

Beobachter: Dennoch kommt es immer wieder zu Polizeiübergriffen und Selbstjustiz.
Scheiben: Meist sind Angst und Stress die Auslöser, die betroffenen Polizisten sind von der Situation überfordert. Hinzu kommt, dass sich das äussere wie das interne Umfeld der Polizisten konstant verändert. Und Veränderung verunsichert.

Beobachter: Wie kann polizeiliche Gewalt verhindert werden?
Scheiben: Zum einen durch strenge Selektion bei der Rekrutierung – und im Berufsalltag durch Weiterbildung. Mindestens so wichtig ist es aber, auf den Führungsstil innerhalb eines Korps zu achten.

Beobachter: Also trägt die Führung die Verantwortung für brutale Polizeieinsätze?
Scheiben: «Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken», heisst ein Sprichwort. Die Verantwortung liegt aber nicht nur bei der Führung, sondern fängt bei jedem Mitarbeiter an. Deshalb ist Weiterbildung für jede Hierarchiestufe, speziell aber für die obere, enorm wichtig.

Beobachter: Wie lässt sich erreichen, dass Polizeibeamte auf Missstände im Korps und Fehlverhalten ihrer Kollegen aufmerksam machen?
Scheiben: Grundsätzlich ist es eine Führungsaufgabe, auf festgestellte Fehlleistungen richtig reagieren zu können und eine offene interne Kultur zu pflegen. Das heisst auch, sich kritisch mit den eigenen Leistungen auseinander zu setzen und Fehlleistungen zu thematisieren.

Beobachter: Die Täter werden häufig freigesprochen und in manchen Fällen sogar wieder in den Dienst aufgenommen. Müssten fehlbare Polizisten nicht viel strenger bestraft werden?
Scheiben: Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich. Das gilt für Ständeräte wie für Polizisten.

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