Polizist müsste man sein – zumindest als Gast der Luzerner Bahnhof-Restaurants. Denn dort erhalten Polizisten «generell zehn Prozent Rabatt», und alkoholfreie Getränke sind für die Beamten «immer maison» – will heissen gratis. So jedenfalls stand es bis vor kurzem auf einem auch vom Beobachter gesichteten Zettel bei der Kasse.

Aufgeflogen ist die peinliche Affäre durch einen lapidaren Streit um ein Bier. Die Wirtin hatte einem zivilen Gast eine Flasche mit abgelaufenem Verfallsdatum auf den Tisch gestellt und sich geweigert, diese zurückzunehmen. Da platzte dem Gast der Kragen: Er meldete den Vorfall telefonisch erst dem Lebensmittelinspektor, dann dem Chef der Gewerbepolizei und schliesslich dem Kommandanten der Stadtpolizei. Doch niemand wollte das Beweismittel sicherstellen. «Sie vertrösteten mich alle auf später», erzählt der Gast.

Die Wirtin – Herrin über die vier Restaurants und alle Verpflegungsstände im Luzerner Bahnhof – war erfolgreicher: Am selben Abend telefonierte sie der Polizei. Eine dreiköpfige Patrouille der Stadtpolizei war prompt zur Stelle, wies den Gast aus dem Lokal und bestätigte das von der Wirtin ausgesprochene Hausverbot.

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Tags darauf suchte der Gast die Bar erneut auf. Denn inzwischen hatte er gehört, dass es in sämtlichen Bahnhoflokalen für die Polizei Rabatt gebe. Das wollte er verifizieren. Die Wirtin rief umgehend die Beamten. Diesmal kam die Kantonspolizei; der Kunde hatte eine Klage wegen Hausfriedensbruchs am Hals.

Die Zeugen wurden nicht befragt
Der Gast reagierte seinerseits mit einer Strafanzeige gegen Wirtin und Polizei – wegen Verdachts auf Bestechung und Bestechlichkeit. Das war im vergangenen Dezember. Seither herrscht Funkstille. Obwohl der Gast eine ganze Reihe von Zeugen nannte, wurde bis heute niemand befragt: «Wir haben nur so viel Personal, wie der Kanton uns zugesteht», entschuldigt sich der zuständige Amtsstatthalter Orvo Nieminen. Und Kurt Fehlmann, Kommandant der Stadtpolizei, weist Bestechungsvorwürfe zurück. Er selbst esse oft im Bahnhof, habe aber noch nie von einer Vergünstigung profitiert. «Und ich habe noch nie einen entsprechenden Anschlag gesehen.»

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Rückendeckung erhält der Polizeikommandant vom Luzerner Stadtpräsidenten Urs W. Studer. Solche Konsumationsrabatte seien seiner Ansicht nach «nicht im Hinblick auf die Amtsführung» gewährte «geringfügige, sozial übliche Vorteile» – und ergo nicht strafbar.

Der Freiburger Strafrechtsprofessor Marcel Niggli vertritt da eine andere Meinung. «Warum soll die Polizei Vergünstigungen erhalten, die andere nicht haben?», fragt er. «Das lässt den Verdacht aufkommen, dass die Vergünstigung dem Polizisten gilt und nicht ihm als Privatperson.» Dass die Vergünstigung zudem laut Personalweisung nur während der Arbeitszeit gelte, sei «ein weiteres Indiz», dass man sich «ein Wohlwollen bei der Polizei» erkaufen wolle. Niggli: «Das ist nach neuem Korruptionsstrafrecht strafbar; es besteht die Gefahr, dass die Amtsperson in ihrer Funktion jene Person bevorteilt, die dieses ‹gute Klima› geschaffen hat.»

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Mit dem Restaurant-Rabatt steht die Luzerner Polizei ziemlich allein da. «Das würde bei uns nicht toleriert», sagt etwa Hans Leuenberger, Mediensprecher der Zürcher Kantonspolizei. Und Heinz Pfeuti von der Kapo Bern zitiert aus dem Personalreglement: «Es ist verboten, Geschenke oder andere Vergünstigungen anzunehmen, die im Zusammenhang mit der dienstlichen Stellung stehen oder stehen könnten.»

Während das Verfahren wegen möglicher Bestechung ruht, ist der aufmerksame Gast bereits verurteilt worden – wegen Hausfriedensbruchs. Rechtlich hätten die beiden Fälle nichts miteinander zu tun, sagt Amtsstatthalter Orvo Nieminen, räumt jedoch ein: «Zugegeben, das kann etwas komisch wirken.»