Die Geschichte, von der hier die Rede ist, ist ganz alltäglich, denn es geht um einen offenbar betrunkenen Autofahrer, der von einer Polizeistreife angehalten wird. Gleichwohl ist sie aussergewöhnlich, denn es geht auch um ranghohe Kantonspolizisten, ihre Beziehungen zu den Mächtigen und deren Interesse, das Geschehene unter den Teppich zu kehren. Und es geht darum, dass kleine Beamte wegen simpler Vergehen bestraft werden, während ihre Vorgesetzten ungeschoren davonkommen. Und schliesslich geht es darum, ob es Zufall ist, dass sich all dies im Kanton Freiburg abspielt.

Doch schön der Reihe nach. Am 7. November 2008, morgens um 4 Uhr, fährt der Vize-Chef der Freiburger Kriminalpolizei in seinem Auto nach Hause. Doch weit kommt er nicht: Er schrammt ein Trottoir und wird im Vorort Granges-Paccot von einer Polizeistreife angehalten. Die beiden Polizisten chauffieren ihn nach Hause, angeblich weil er «zu müde» gewesen sei, um selber zu fahren, wie sie später zu Protokoll geben.

Das kann vorkommen. Doch je mehr Details die Freiburger Tageszeitung «La Liberté» enthüllt, desto merkwürdiger wird der Fall. Zunächst die Tatsache, dass die beiden Streifenpolizisten beim Kadermann keinen Alkoholtest durchführten. Der Fahrer habe keinen betrunkenen Eindruck gemacht, sagt Polizeikommandant Peter Nidegger später gegenüber der «Liberté».

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Die SMS: «Was hättest du gemacht?»

Mindestens einer der beiden vor Ort anwesenden Streifenpolizisten beobachtete etwas anderes: In einer SMS an seinen Vater, einen pensionierten Polizeioffizier, schrieb er wenige Stunden nach dem Vorfall: «Haben diese Nacht Kommissar X angehalten, als er sternhagelvoll Auto fuhr. Er fuhr auf den Trottoirs. Haben ihn nach Hause gebracht und sonst nichts unternommen. Was hättest du gemacht?» Offenkundig war ihm nicht wohl bei der Sache, vor allem weil die Polizisten kein Verfahren einleiteten, und fragte um Rat.

Fakt ist ferner, dass die Polizeistreife den Vize-Kripo-Chef nicht zufällig anhielt. Ein anderer Polizist hatte ihn beim Verlassen der Polizeigarage beobachtet und sich Sorgen um dessen Fahrtüchtigkeit gemacht – er telefonierte einem Kollegen, der Streifendienst hatte. Damit brachte er nicht nur den ganzen Fall erst ins Rollen – vor allem verhinderte er vielleicht einen Unfall. Doch bedankt hat sich niemand bei ihm. Vielmehr wurde er wegen illoyalen Verhaltens disziplinarisch bestraft (sein Rekurs dagegen ist noch hängig) und öffentlich abgekanzelt: Staatsrat Erwin Jutzet (SP), oberster politischer Verantwortlicher, bezeichnete den Anruf als «Fehler» und die ganze Geschichte als «Sturm im Wasserglas».

Auch der Streifenpolizist, der seinen Vater per SMS um Rat fragte, soll belangt werden: wegen Amtsgeheimnisverletzung und Begünstigung. Für den mutmasslich betrunken Auto fahrenden Kaderpolizisten hingegen blieb die Affäre bisher folgenlos. Trotz der SMS, die kaum missverstanden werden kann, ist der zuständige Untersuchungsrichter «zur Überzeugung gelangt, dass der kontrollierte Polizeibeamte nicht betrunken war», und eröffnete kein Verfahren gegen ihn. Der Betroffene selbst wie auch die Kantonspolizei wollten gegenüber dem Beobachter keine Stellungnahme abgeben.

So viel ist klar: Die Untersuchung verlief fragwürdig. Polizeikommandant Pierre Nidegger informierte die Untersuchungsbehörden Ende November über die Affäre, doch Untersuchungsrichter Jean-Luc Mooser liess sich zweieinhalb Monate Zeit, bis er den Vize-Kripo-Chef befragte.

Im Übrigen stützte er sich auf Gesprächsprotokolle, die der Polizeikommandant angefertigt hatte – logisch und sachgerecht wäre es umgekehrt: Zuerst klärt ein Untersuchungsrichter den Sachverhalt ab (und leitet gegebenenfalls ein Verfahren ein), erst dann folgt eventuell noch eine administrative Bestrafung durch die Polizei selber. Diese Verfahrensmängel erinnern stark an frühere Freiburger Polizeiaffären, wo genau dies von unabhängigen Experten gerügt wurde.

«Ich dachte ja, das sei überwunden, schliesslich gibt es viele seriös arbeitende Polizisten und Justizbeamte», sagt der emeritierte Strafrechtsprofessor Franz Riklin, langjähriger Kenner des Freiburger Justizwesens. «Aber diese Affäre zeigt auf krasse Weise, dass noch vieles im Argen liegt.» Er fühlt sich an «mittelalterliche Kabinettsjustiz» erinnert. Immerhin: Auf Veranlassung der Generalstaatsanwältin wird jetzt die Untersuchung ein zweites Mal durchgeführt.

«Nur die Kleinen wurden bestraft»

Ob nun zu viel Alkohol im Spiel war oder nicht: «Wer fahruntüchtig ist und trotzdem Auto fährt, macht sich strafbar – als hoher Polizeibeamter musste er dies wissen», sagt Bruno Fasel, der für die Christlichsozialen (CSP) im Freiburger Kantonsparlament sitzt. «Bis jetzt wurden aber nur die Kleinen bestraft.» Auf Fasels diesbezügliche Fragen erhielt er vom Staatsrat, der Kantonsregierung, nur ausweichende Antworten. Fasel, der sich seit Jahren mit dem Thema Polizei beschäftigt, stellt fest: «Viele Freiburger Polizisten haben Angst, dass sie ihren Job verlören, wenn sie gegen Vorgesetzte vorgehen würden.»

So bleiben am Schluss zwei Eindrücke hängen: Die Wahrheit in dieser Affäre kommt nur scheibchenweise ans Tageslicht. «Niemand von den Notabeln hat ein Interesse an der vollständigen Aufklärung, fast alle sind irgendwie darin verstrickt», sagt Franz Riklin. Und, mindestens so gravierend: «Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen», bilanziert Pierre-André Sieber, der «Liberté»-Journalist, der hartnäckig über die Affäre recherchierte.

Dranbleiben will auch Strafrechtsprofessor Riklin. Sein Gesuch um Einsicht in die getroffenen Entscheide wurde zwar in erster Instanz abgelehnt. «Aber ich ziehe das bis vors Bundesgericht, denn ich habe den Eindruck, dass hier einiges vertuscht werden soll.»