«Fassen! Fassen! Richtig fassen!» Die Gesichter sind ernst, das Handgemenge ist stumm: «Und zu Boden! Locker! Hopp!» Der Trainingsleiter ballt die Fäuste.

Turnhalle in Oberkulm AG: In einer Ecke verräumt der Puppenspieler, der noch eben für die Primarschüler gespielt hat, seine Kulissen. Die andere Hälfte des Raums ist mit Matten belegt. Elf Polizisten üben den Nahkampf. «Aufstehen! Marschieren!»

Adrian Sulzer von der regionalen Gemeindepolizei Reinach atmet schwer. Sein Partner, ein Wachtmeister der Aargauer Kantonspolizei, lächelt. Sulzer putzt seine beschlagenen Brillengläser. «Hopp, hopp! Wer einen Schritt zurückmacht, hat verloren!» Sulzer schaut zum Trainingsleiter. Geht in Position, in Deckung, einen Schritt vor. Es riecht nach Gummi, Deodorant und Schweiss.

Szenenwechsel. «Ich bin ein eher ruhiger Mensch», sagt Sulzer hinter seinem Pult. «Ordnungsliebend.» Und sonst? Der Korporal rollt rückwärts auf seinem Stuhl, faltet die Hände über den Knien und denkt nach. Die Bürozeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 9 und 18 bis 18 Uhr 30. Sulzer spricht ohne Untertöne, ohne Doppelsinn, in seinen Augen liegt Verbindlichkeit und Scheu. Über dem Schreibtisch ein Fächer von 26 Begriffen, die gleichbedeutend sind mit Polizist. Unter anderem hier zu lesen: CIA-Agent, Lebensretter, Meteorologe, Fremdenführer, Athlet, Eheberater, Verkehrsexperte.

Sulzer seufzt. «Neugierig bin ich auch», sagt er.Reinach liegt 532 Meter über Meer, zwischen Luzern und Aarau. Das Dorf zählt 7390 Einwohner. Die Mehrheit ist protestantisch. Knapp 30 Prozent sind Ausländer. Nebel hat es hier, verglichen mit dem unteren Wynental, selten.

8 Uhr 13. Korporal Sulzer steht an der Griensammlerstrasse, am östlichen Rand des Dorfs. Er tippt mit dem Zeigefinger an eine Gartenmauer. «Ja, das isch früsch, he.» Dunkelblaue Farbspritzer auf dem Marmor. Auf der Fahrbahn prangt ein grosser Klecks desselben Tons. «Ein Passant muss über ein Farbdöschen gefahren sein», vermutet der Anzeigeerstatter, der eben hinzugekommen ist. Der Gemeindepolizist zuckt die Achseln. «Keine Chance rauszufinden, wer das war.» Nein, absperren wird Sulzer die Griensammlerstrasse nicht. Er schaut sich nach einem Hydranten um, macht ein Übersichtsfoto, steckt das Döschen in ein Ordnungsbussensäckli und informiert den Strassenunterhalt.

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Zurück im Büro. Es ist 8 Uhr 47. Sulzer notiert in den Tagesrapport: «Züsli Peter zur Reinigung aufgeboten.» Adrian Sulzer, aufgewachsen mit vier Geschwistern im Nachbardorf Beinwil am See, «eher ein problemloses Kind»; nur der Heuschnupfen habe ihn über viele Jahre geplagt. Er spielte, «was mer halt so macht, im Wald, am See, echli überall». Bubenstreiche? «Da muss ich nachdenken.» Ach ja: Einmal habe er mit Freunden dem Fischereiaufseher das Boot vom Ufer weggetragen. Nein, nein, mit der Polizei habe er nie zu tun gehabt.

Ein normaler Schüler sei er gewesen. Später Lehre als Koch in St. Moritz, Rekrutenschule, Heirat, Ausbildung zum Unteroffizier. Dann der Entschluss, nicht in die Küche zurückzukehren: «Im Militär habe ich meine Liebe zum Staat entdeckt. Ich kann es nicht anders sagen.»

9 Uhr 15. Ein Paar um die 50 steht in der halb offenen Tür. Der Herr neigt sich leicht vor, klopft leise, sagt: «Min Vatter isch iez gstoorbe.» Korporal Sulzer drückt beiden die Hand: «Chömed Si, sitzed Si.» Noch während er das Zivilstandsamt informiert, klingelt sein Handy: möglicher Einbruch am Schlösslirain. Wieder ein Händedruck. Diesmal in Eile.

Es ist 9 Uhr 40. Sulzer fährt schnell, ohne Blaulicht. «Das Horn treibt mir den Puls auf 140», sagt er. Im Lokalradio läuft ein Schlager. Korporal Sulzer hat den Natelknopf im Ohr. Der Schlösslirain ist eine lang gezogene Strasse; Sulzer parkiert auf dem Trottoir, löst den Riemen, der seine Pistole im Halfter hält, stösst langsam die offene Ladentür auf. Auf der Tür steht: Betriebsferien. «Hallo?» Der Geschäftsinhaber eilt aus dem Nachbarhaus. Fehlalarm. Eine Unachtsamkeit: Er hat die Tür versehentlich offen gelassen. Grosse Erleichterung – und «vielen, vielen Dank».

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Reinach hat fünf Zahnärzte, sechs Chöre, vier Turnvereine, ein Einkaufszentrum und zwei Dorfpolizisten. Bis vor einem Jahr war die Polizei im Privatwagen unterwegs; am 20. Juli 2000 schaffte die Gemeinde für 27000 Franken einen nagelneuen Ford Focus an – «sehr sparsam im Verbrauch», wie der «Wynentaler Anzeiger» schrieb. In Sulzers Büro prangen Fotos von Reifenspuren: Blockierspur, Driftspur, Schleuderspur, Stotterspur, Spurenknick.

«Uh! Das wär en Schööne gsii.» Sulzer hat den roten Toyota ohne Kennzeichen zu spät bemerkt: «En klaare 140er.» Wer ohne Nummernschild fährt, kassiert eine Busse von 140 Franken. Sulzer grüsst einen älteren Fussgänger, einen Radfahrer, eine junge Mutter mit Kind, hebt dazu leicht die Hand, den Kopf. Es geht gegen Mittag, der Verkehr schwillt an. Und da ist er schon wieder, der rote Toyota. Diesmal auf der anderen Fahrbahn. «Das isch ja de P.! Iez nämed mer en.»

Sulzer wendet, gibt Gas, in kurzer Zeit hat er den Kleinwagen eingeholt, weist ihn an den Strassenrand. Herr P., knapp 30, in Pantoffeln und T-Shirt, sitzt ausdruckslos am Steuer. «Herr P.! Wüssed Si, dass Si oni Nummere faared?» Der Polizist setzt sich in seinen Wagen. «Fahrzeugausweis?» – «Han i nümm.» – «Fahrausweis?» – «Han i au nümm.» – «Aber de Verstand, de händ Si na?!» P.s Blick ist stumpf. Seine Finger krallen sich ans Steuerrad. «Wie vil händ Si ghaa?» Herr P. spitzt die Lippen. «Zwei Bierli.» Der Blastest lässt auf einiges mehr schliessen: 2,2 Promille. P. zieht eine Grimasse. Lacht tonlos. Blinzelt. Schweigt. «Ich chan Si gopfertami grad i d Chischte gheie! Was söll i iez mache?»

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Herr P. gibt an, gestern vier Whiskys getrunken zu haben. Erklärt, dass er in Menziken dringend seine Stromkarte habe aufladen müssen. Und versichert, seit dem Ausweisentzug vor zwei Jahren habe er dieses Auto nie mehr benutzt – «sicher nöd, würkli». Er zittert. Spitzt wieder die Lippen. Für einen Augenblick scheint es, als ob er weinen möchte. Dann lächelt er, mit zugekniffenen Lidern.

«Schiessen musste ich noch nie»
Reinach hat kein eigenes Spital. Der fehlbare Lenker P. muss zur ärztlichen Abklärung nach Menziken gefahren werden. «Die linke Ferse vor die Spitze des anderen Fusses», sagt der junge Arzt im Untersuchungsraum. Dann: «Arme ausstrecken, Zeigefinger zur Nasenspitze. Prima!»

P. macht einen zufriedenen Eindruck. Korporal Sulzer steckt seine Blutprobe in eine Tüte. «Führen eines Motorfahrzeugs in angetrunkenem Zustand. Führen eines Motorfahrzeugs trotz Entzug von Führerausweis. Führen eines Motorfahrzeugs ohne Versicherungsschutz», werden die Anklagepunkte lauten.

P. ist fürsorgeabhängig. Seine Frau hat ihn verlassen. «Was kann ich Ihnen noch wegnehmen?», fragt Sulzer. «Die Schuhe», sagt P. Er lacht. Das Polizeiauto steht vor P.s Wohnung. «Sie brauchen eine Frau, die zu Ihnen schaut», sagt Sulzer. «Ja, ja», sagt P. «Verkaufen Sie das Auto! Abgemacht?» – «Sicher!», sagt P. und ruft: «Adie!»

Adrian Sulzer obliegt die Lebensmittelkontrolle im Dorf, die Gemeindestelle für wirtschaftliche Landesversorgung, er ist stellvertretender Quartiermeister für die Militärunterkunft von Reinach. Zur Uniform der Gemeindepolizei gehören: zwei Paar Hemden, zwei Paar Hosen, zwei Krawatten, Handschellen, ein Pfefferspray, eine Taschenlampe, eine Pistole vom Typ SIG 228. «In meinen 20 Dienstjahren habe ich nie schiessen müssen.» Adrian Sulzer ist Vater von drei Mädchen.

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14 Uhr 30. Sulzer schreibt einen Sammelbrief. Von den 431 Hundehalterinnen und Hundehaltern haben 98 ihre Hundetaxen noch nicht bezahlt. Für Hundemarken, die amtlicherseits zugestellt werden müssen, wird eine Gebühr von zusätzlich 20 Franken erhoben.

15 Uhr 22. Ein Bancomatkunde ruft an, weil er sich von den umstehenden Ausländern bedroht fühlt. Adrian Sulzer bittet einen Kollegen, Begleitschutz zu üben.

16 Uhr 45, Gemeindegrenze zwischen Reinach und Leimbach. Im Garten eines Einfamilienhauses montieren die Gemeindepolizisten das Radargerät. Sie setzen sich unter dem Birnbaum an den gelben Blechtisch. Überschreitungen unter zehn Kilometern pro Stunde werden brieflich erledigt; wer schneller fährt, wird im Nachbardorf abgefangen. Sulzer steht mit der Kelle am Strassenrand von Zetzwil. Beiseite gewinkt werden ein Herr mit Stumpen, eine junge Frau im Sportcoupé. Im Wohnblock gegenüber verfolgt ein älteres Paar das Geschehen vom Balkon aus.

17 Uhr 19. Sulzers Funkgerät meldet: «Solothurner Geländewagen, schwarz, mit 81 Kilometern pro Stunde. Kennzeichen beginnt mit 120000.» – «Verstanden, ich warte.» Der junge Mann, der dem teuren Auto entsteigt, ist bleich. Verächtlich händigt er Sulzer seine Papiere aus. «Tut mir Leid. Sie waren 29 zu schnell. Das gibt einen Fahrausweisentzug.» – «Wird wohl so sein.» Der Lenker verschränkt seine Arme, tritt die Zigarette aus. Das Einvernahmeprotokoll unterschreibt er auf den Knien. Der Polizist sagt: «En schöönen Aabig, gliich na.» – «Scheisse. Gliichfalls», sagt der Fahrer. Er knallt die Tür.

Jede zweite Woche hat Adrian Sulzer einen 24-Stunden-Dienst. Einmal im Monat dauert der Einsatz von Freitag, 17 Uhr, bis Montag, 8 Uhr. Sulzer war, seit er Polizist ist, kein einziges Mal krank. «Ich bin ziemlich ausgeglichen», sagt er. Seit dem Tod seines besten Freundes treibt er «etwas weniger Sport». Die Ferien verbringt er seit sieben Jahren mit Frau und Kindern auf der Belalp im Wallis.

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21 Uhr 25. Nachtpatrouille im Aussenquartier. Die Scheinwerfer des Polizeifahrzeugs gleiten über Seitenwege, Gartenhecken, dunkles Gesträuch. Neben Korporal Sulzer sitzt Willi Helfer, der Kollege aus Menziken, dem Nachbardorf. Am Wegrand steht eine leicht schwankende Gestalt. «De Nötti hät wider eine uf de Gitarre», sagt Willi Helfer und lacht. Sulzer, ernst: «Am weitaus häufigsten werde ich wegen ehelicher Streitigkeiten gerufen. Alkohol. Budgetprobleme. Untreue.» Da müsse man einfach zuhören, denn er wolle ein Problem «ordeli lööse».

21 Uhr 50. Die Polizisten kontrollieren mit ihrem Dienstfahrzeug «gefährdete

Objekte»: die Liegenschaft Grünauhof, die Sackgasse in Menziken, das Gelände der Tricot Gerber, Lagerhallen, Parkplätze, Hinterhöfe. Hie und da grüsst ein Passant. Was ihm am meisten Sorgen bereite, sagt Sulzer, sei die Zunahme von «psychischen Fällen: Leute, die allein sind, die plötzlich nicht mehr klarkommen». Da könne man nichts machen. Jedenfalls nicht er.

Vor der Friedhofmauer stehen fünf junge Leute. Die Gruppe löst sich sofort auf, als das Polizeiauto vorfährt. Sulzer stoppt, eilt mit seinem Kollegen aus dem Auto. Ein Jugendlicher stellt sich ihnen mit seinem Dobermann in den Weg. Das Tier knurrt, fletscht die Zähne, zerrt an der Leine. «Wenn du den loslässt, ist er tot», ruft Adrian Sulzer in die Nacht. Der junge Mann reisst das Tier zu sich. Der fliehende Freund, «ein Dauerkunde», wird wenige Minuten später gefasst. Nachzuweisen ist ihm nichts. «Ich krieg euch noch», sagt Gemeindepolizist Sulzer.

21 Uhr 54. Der Wagen kurvt ins Oberdorf, ins Unterdorf, ins Eichbühl, zum Gundiswinkel. Eine Katze flieht an den Wegrand. Man bekomme hier das Gefühl für das Ungewohnte, sagt Korporal Sulzer. Viele Personen erkenne er von sehr weit her. Auch spüre man mit der Zeit, welches Auto in welches Quartier gehöre. Nein, in Zürich möchte er nie arbeiten. In Reinach komme er, wenn auch spät, immer noch lebend nach Hause.

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Sulzers Schlaf ist gut. Er träumt selten, schon gar nicht von seiner Arbeit. Tagträume? Träume von einer neuen Welt? «Träumen ist gefährlich», sagt er. «Mit der Zeit verliert man seine Illusionen.»