Es geschieht am 13. November 1999, in einem Mehrzweckgebäude irgendwo im Ausserrhodischen. Patrick will zum Ausgang. Doch ein Mädchen, nennen wir es Karla, blockiert mit seinen Beinen den Weg und lässt Patrick auch auf wiederholtes Drängen hin nicht durch. Es kommt zum Gerangel. Der Neunjährige schlägt zu. Karla, ebenfalls neun Jahre alt, wird am kleinen Finger der rechten Hand verletzt.

So weit eine Situation, wie sie täglich dutzendfach in der Schweiz passiert. Weniger alltäglich ist das juristische Nachspiel, das der «Schleglete» folgte.

«Am nächsten Abend rief uns der Vater des Mädchens an und behauptete, unser Sohn habe Karla in den Bauch und in die Hand getreten. Und ein Finger sei möglicherweise gebrochen», erinnert sich Sonja Schäfli, Patricks Mutter. «Er verlangte, dass wir die Arztrechnung bezahlten und dass Patrick sich entschuldige.» Familie Schäfli erklärte sich damit einverstanden, sofern sich herausstellen sollte, dass der Junge wirklich schuld sei.

Da Patrick behauptete, er habe das Mädchen nur gegen das Schienbein, nicht aber in den Bauch getreten, ging die Suche nach Zeugen los. Kinder und Eltern, die an jenem Abend anwesend waren, wurden – von beiden Seiten ergebnislos – befragt.

Die Jugendanwaltschaft will schlichten
Zwei Tage später gibt ein Telefongespräch zwischen den Vätern der beiden Kinder den Startschuss zu einer Justizodyssee, die viereinhalb lange Jahre verschiedene Instanzen der Schweizer Gerichtsbarkeit auf Trab halten sollte. Da sich Schäflis mangels bewiesener Schuld ihres Sprösslings weigern, die Arztrechnung über 346 Franken zu bezahlen, droht Karlas Vater mit einer Anzeige wegen Körperverletzung – und setzt die Drohung gleich in die Tat um.

Die zuständige Jugendanwaltschaft steht dem Fall offensichtlich von Anfang an skeptisch gegenüber: «Die Behörden haben sich mit dem obgenannten Vorfall nur deshalb zu befassen, weil Sie in Vertretung Ihres Kindes Strafantrag gegen Patrick Schäfli eingereicht haben», schreibt die Jugendanwaltschaft am 30. Dezember 1999 Karlas Vater. Doch der hält unverdrossen an der Anzeige fest.

Heiner Graf, der zuständige Jugendanwalt in Trogen, versucht den Kläger Mitte Januar doch noch dazu zu bewegen, den Strafantrag gegen den neunjährigen Buben zurückzuziehen. Da das strafrechtlich erfassbare Verhalten des Jungen nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden könne, gelange hier der Grundsatz «in dubio pro reo», also im Zweifelsfall für den Angeklagten, zur Anwendung. Er sehe deshalb vor, so der Jugendanwalt weiter, das Verfahren gegen Patrick einzustellen.

Doch Karlas Vater kennt kein Erbarmen mit minderjährigen «Delinquenten», schaltet auf stur und die Opferhilfe ein. Mit deren Hilfe wird für eine Erstabklärung ein Anwalt beigezogen. Wie schon Jugendanwalt Graf stehen sowohl Opferhilfe als auch Anwalt dem Fall skeptisch gegenüber. Wenige Wochen später zieht der Anwalt die Konsequenzen und legt das Mandat nieder.

Am 22. September 2000, also knapp ein Jahr nach der Keilerei der beiden Knirpse, entscheidet schliesslich die nach wie vor involvierte Jugendanwaltschaft: Patrick wird der fahrlässigen Körperverletzung für fehlbar befunden – denn auch ein Neunjähriger müsse wissen, dass das Gegenüber beim Dreinschlagen verletzt werden könne. Von einer Massnahme oder gar Disziplinarstrafe werde aber abgesehen, da Vorsätzlichkeit ausgeschlossen werden könne. Zudem liege eine gewisse Mitschuld des Mädchens vor, das den Streit provoziert habe.

Ein Vater auf dem Kreuzzug
Das Verdikt scheint vernünftig, ja nahezu salomonisch: Der Junge muss 50 Franken an die Verfahrenskosten beitragen. Für die vom Kläger eingeforderten 346 Franken hingegen, die in solchen Fällen laut Gericht sowieso meist von der Krankenkasse übernommen werden, wird Karlas Familie auf den Zivilweg verwiesen.

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2004, mehr als vier Jahre nach dem Vorfall im Appenzeller Hinterland. Karlas Vater hat noch immer nicht genug und macht sich auf dem zivilen Weg auf in Richtung «Gerechtigkeit»: Auf die (erfolglose) Betreibung von Patricks Eltern und einen missglückten Vermittlungsversuch folgt die Vorladung vor das Kantonsgerichts-Präsidium von Appenzell-Ausserrhoden.

Ohne die Hilfe eines Anwalts haut Karlas Vater selber in die Tasten und formuliert die Klageschrift. Dies tut er mit Verve und drastischer Sprache. Von «querulatorischem Verhalten» des Neunjährigen, der «Uneinsichtigkeit und dem halsstarrigen Verhalten der Eltern» schreibt er. Und dass der Angeklagte auf seine Intervention hin von den Untersuchungsbehörden «in die Mangel genommen» worden sei. Schliesslich führt der Kläger einen gebrochenen Finger an, obwohl das beigelegte ärztliche Attest lediglich eine Verstauchung attestiert.

Am 5. April 2004, also viereinhalb Jahre nach der ersten Anzeige, entscheidet das Kantonsgericht rechtsgültig und ein für alle Mal: Patrick muss als Schadenersatz knapp die Hälfte der Kosten für das Arztzeugnis bezahlen – Fr. 18.50.

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