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Psychiatrie«Abgabe von Psychopharmaka ist noch heute teils kriminell»

Klaus Dörner, 80, war von 1980 bis 1996 ärztlicher Leiter der Westfälischen Klinik in Gütersloh für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie. An der Universität Witten/Herdecke lehrte er Psychiatrie. 
Der Mediziner und Sozialpsychiater ist Autor zahlreicher Standardwerke zu Psychiatrie und Ethik. Bild: Horst Galuschka/Interoptics

Psychopharmaka wurden in den sechziger Jahren als Allheilmittel gesehen. Diese Euphorie dauert bis heute an – etwa in Altersheimen, sagt der deutsche Psychiatrieprofessor Klaus Dörner.

von Otto Hostettler

Beobachter: Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn forschte bis in die siebziger Jahre mit ethisch fragwürdigen Methoden. Wie war das möglich, wenn doch die internationale Ärzte­gemeinschaft 1964 in Helsinki Regeln für die Forschung am Menschen definierte?
Klaus Dörner: Es herrschte in den sechziger Jahren eine unkritische Begeisterung für die Wirkungsmöglichkeiten von Psychopharmaka. Psychiater in aller Welt waren glücklich, Patienten endlich mit «normalen» Medikamenten behandeln zu können.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Dörner: Die Jahrzehnte zuvor waren die Ära des Schocks. Psychisch Kranke wurden mit Elektroschocks oder Insulinschocks behandelt. Weil das aber Methoden aus der Nazizeit waren, herrschte plötzlich eine Euphorie über die neuen Medikamente und deren angebliche Möglichkeiten. Es gab tatsächlich auch wissenschaftlich belegte Heilungserfolge, aber das war nicht die Regel.

Beobachter: Was hiess das für Patientinnen und Patienten?
Dörner: Die Heilungsbegeisterung wurde auch auf Kinder übertragen. Den allermeisten Psychiatern waren die neuen ethischen Standards der Helsinki-Deklaration egal. An ­eine Einwilligung in die klinischen Ver­suche dachten viele damals nicht. Die Haltung war die: Man kann Kinder und nicht zustimmungsfähige Menschen doch nicht von vielversprechenden Heilungserfolgen ausschliessen. Es herrschte ein unglaublicher Selbsttrieb, Medikamente zu erfinden.

Beobachter: Weshalb ignorierten denn die Psychiater die ethischen Richtlinien?
Dörner: Diese Regeln drangen nicht in den Alltag der Psychiatrie durch, der Markt für Psychopharmaka war viel zu mächtig. In den Sechzigern war ich unter einem Psychiater tätig, der warnte: «Bleibt vorsichtig mit diesen Medikamenten. Die Nebenwirkungen werden wir erst Jahrzehnte später kennen.» Die Pharmaindustrie unternahm alles, um die Nebenwirkungen zu verschweigen.

Beobachter: Warum waren die Psychiater so unkritisch?
Dörner: Die Begeisterung war nicht zuletzt auch derart gross, weil man die Schuldgefühle aus der Nazizeit hinter sich lassen konnte. Die psychisch Kranken wurden nun als Menschen betrachtet, eben als Patienten, die man nun mit Pillen gesund machen wollte. Das körperlich-medizinische Denkmodell wurde auf die Psychiatrie über­tragen – die Seele wurde quasi zu einem weiteren Körperteil. Ich persönlich bin überzeugt: Die Psychiatrie ist zu 50 Prozent eine medizinische und zu 50 Prozent eine philosophische Disziplin.

Beobachter: Was heisst das?
Dörner: Als leitender Angestellter einer psychiatrischen Klinik mit 800 Patienten konnte ich zwischen 1980 und 1996 nachweisen, dass chronisch psychisch kranke Menschen durchaus in eigenen Wohnungen leben und sich sogar in die Arbeitswelt integrieren können. Wir konnten die Bettenzahl in dieser Anstalt damals praktisch halbieren. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden psychisch Kranke konsequent in Heimen ausgegrenzt, sozusagen sozial euthanasiert.

Beobachter: Wie gingen Sie selbst mit der Medikation um?
Dörner: Wir versuchten, die Medikamente zu reduzieren. Das wirkte sich aber auf die Verhaltensweise der Patienten aus. Es war nicht immer klar, ob die veränderte Verhaltensweise mit den Psychopharmaka zu tun hatte oder mit der teils jahrzehntelangen Institutionalisierung. Patienten wurden stigmatisiert, weil sie 30 oder 40 Jahre in Ein­richtungen festgehalten wurden. Das trug entscheidend zu ihrer seelischen Schädigung bei. In all diesen Jahren sind bei vielen die Psychopharmaka so tief in den Stoffwechsel eingedrungen, dass sie ein Minimum an Medikamenten benötigten.

Beobachter: Wie ist diese Situation heute?
Dörner: Politiker verschiedener Länder sind einer Art Sozialromantik verfallen und behaupten, Psychopharmaka seien ein Segen und man brauche all die bestehenden Heime. Meiner Meinung nach ist die Abgabe von Psychopharmaka vor allem in Altersheimen äusserst problematisch, teilweise geradezu kriminell. Mit den alten Menschen ist es wie mit den Kindern: Sehr oft werden nicht einmal Indikationen festgelegt, es besteht also gar keine medizinische Massnahme für ein Krankheitsbild. Oft werden auch viel zu hohe Dosen und über eine viel zu lange Zeitdauer verabreicht. Heime sind da aber praktisch nicht angreifbar.

Beobachter: Woran liegt das?
Dörner: Zweifellos an den starken Marktkräften. Was die Industrie produziert, muss sich auf dem Markt als Erfolg erweisen. Alters­heime und Institutionen für psychisch Kranke sind gleichzeitig ebenfalls wichtige Marktkräfte. Ich finde aber, wo es darum geht, Menschen zu helfen, hat der Markt nichts zu suchen. In Wirklichkeit durchschauen alle das Doppelspiel, aber aus Angst vor möglicherweise wegfallenden Verdienstmöglichkeiten unternimmt niemand etwas dagegen. Das Entsetzliche an diesem Zustand ist, dass das System so stark ist, dass niemand ausbrechen will.

Die Menschenversuche von Münsterlingen

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Veröffentlicht am 2014 M02 06