«Der Sozialarbeiter besuchte mich, dann wurde mir schwindlig.» Nur bruchstückhaft bringt Alfred Müller (Name geändert) zusammen, was an jenem Donnerstag im November genau passierte, als er im Krankenwagen abtransportiert wurde.

Geduldig sitzt der schmächtige Mann am Tisch im Klinikrestaurant und wartet auf die nächste Frage. Nein, er habe sich nicht gewehrt, als ihn die Sanitäter abführten. «Aber ich wollte nicht in die Psychi.» Dann will er von seinem Anwalt wissen: «Glauben Sie, dass ich hier bald wieder rauskomme?»

Der 56-jährige Baggerführer sei ein angenehmer Mensch, der niemanden störe, sagen seine Nachbarn. Trotzdem wird Alfred Müller seit über zwei Monaten gegen seinen Willen in der psychiatrischen Klinik festgehalten.

Grundlage für die Einweisung war Artikel 397a des Zivilgesetzbuchs über die fürsorgerische Freiheitsentziehung (FFE). Nach dieser Bestimmung kann eine Person «wegen Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunksucht, anderen Suchterkrankungen oder schwerer Verwahrlosung in einer geeigneten Anstalt untergebracht oder zurückbehalten werden, wenn ihr die nötige persönliche Fürsorge nicht anders erwiesen werden kann».

Müller hat gegen die Einweisung Rekurs eingelegt. Medizinisch belegt ist seine Alkoholsucht und dass er «kaum Einsicht bezüglich der Notwendigkeit einer Behandlung zeigt», wie sein Hausarzt in den Akten vermerkte.

Der Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik hat Alfred Müller gesundheitlich stabilisiert, doch ist die geschlossene Geriatrieabteilung kaum der richtige Ort für den 56-Jährigen. «Manchmal gehen wir spazieren oder bemalen Sterne für nächste Weihnachten. Doch die meiste Zeit sitze ich einfach nur da.»

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«10'000 Zwangseinweisungen»
Die FFE ist ein schwerer Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen. In vielen Kantonen können alle niedergelassenen Ärzte, also nicht nur psychiatrische Fachpersonen oder Vormundschaftsbehörden, ein FFE-Zeugnis ausstellen. Umso mehr erstaunt, dass keine Amtsstelle den Einsatz dieser Massnahme kontrolliert. Da die Kantone, die für die FFE-Praxis zuständig sind, die unfreiwilligen Hospitalisationen nach unterschiedlichen Kriterien oder teilweise überhaupt nicht registrieren, sind vergleichbare Angaben über die jährlichen Verfügungen nicht vorhanden. Auch auf Bundesebene fehlt eine Statistik.

«Wir gehen von jährlich über 10'000 Zwangseinweisungen aus», sagt Jürg Gassmann, Zentralsekretär der Patientenorganisation Pro Mente Sana. Rechnet man die Zahlen der Kantone Zürich und Bern auf die Schweiz um, ergeben sich über 15'000 FFE-Eintritte pro Jahr. Die effektive Quote dürfte wohl irgendwo dazwischen liegen.

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In einem Punkt sind sich die Fachleute einig: Die stationären Klinikeinweisungen per FFE nehmen zu. Im Kanton Bern etwa wurden 1998 rund 360 Zwangseinweisungen angeordnet, drei Jahre später waren es 700. «Allein in meinem Bezirk gab es 2002 20 FFE-Einweisungen mehr als im Vorjahr», sagt die Berner Regierungsstatthalterin Regula Mader. Eine Zunahme ist auch bei den ärztlich verordneten Zwangseinweisungen zu verzeichnen.

Viele Verfahrensmängel
Die Erklärungen dafür sind vage. Fachleute stellen fest, dass die psychiatrischen Hospitalisationen generell zugenommen hätten – im Kanton Zürich in den Jahren 1995 bis 2001 um über 50 Prozent. Diese Zunahme hänge einerseits mit kürzeren Behandlungsdauern zusammen. Anderseits führen niederschwellige Angebote wie Kriseninterventionszentren zudem dazu, dass sich immer mehr Menschen freiwillig behandeln liessen.

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Bei Pro Mente Sana zweifelt man an dieser Einschätzung. Die psychologische Hürde, eine Klinik aufzusuchen, sei nach wie vor gross, sagt Gassmann. Er sieht die steigenden Patientenzahlen im Zusammenhang mit den zunehmenden sozialen Problemen. «Durch Zerfall der familiären Strukturen und durch Verlust der Arbeit werden immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt und geraten so in schwierige Lebenssituationen.»

Müller arbeitete über 30 Jahre lang für denselben Patron. Auf die Uhr habe er nie geschaut, sondern die Arbeit gemacht, die anfiel – auch an Wochenenden. Als ein neuer Chef kam, sei nichts mehr recht gewesen. Müller verlor den Job. Zudem hatte er die Folgen eines Schlaganfalls und eine zerbrochene Beziehung zu verkraften.

«Von diesem persönlichen Hintergrund hatte ich keine Kenntnis, als ich die FFE-Einweisung organisierte», erklärte der zuständige Sozialarbeiter vor Gericht. Das ist auch nicht verwunderlich, hatte er Müller doch nur einmal zuvor gesehen, im Januar 2002. Auch der einweisende Hausarzt hielt es nicht für nötig, den Patienten vor Ausstellung der FFE-Verfügung persönlich zu beurteilen – obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet gewesen wäre.

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Verfahrensmängel bei Zwangseinweisungen sind keine Ausnahme, wie der Zürcher Psychiater Thomas Maier in einer Studie aus dem Jahr 2002 zeigt: Von 100 untersuchten FFE-Zeugnissen, die zwischen 1997 und 2000 ausgestellt wurden, waren nur 21 sowohl formal korrekt ausgestellt wie auch stichhaltig begründet.

Alfred Müllers Rekurs wurde Mitte Januar abgelehnt, weil der Richter befürchtete, dass er zu Hause erneut mit dem Trinken beginnen und die nötigen Medikamente nicht schlucken würde. Bleibt hier ein Mensch «versorgt», damit er den Angehörigen wie auch der öffentlichen Hand keinen Ärger mehr macht?

Im Kanton Zürich erhalten laut einer Erhebung vom letzten September 30 Prozent der Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie eine Behandlung, die «als nicht oder nicht mehr geeignet beurteilt» wird. Und in einer Umfrage bestätigten Ärzte, dass 25 Prozent der angeordneten FFE vermeidbar wären. Für die überflüssigen Klinikaufenthalte machten sie ungenügende oder fehlende sozialpsychiatrische Einrichtungen sowie mangelhafte soziale Integrationsmöglichkeiten verantwortlich.

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Opfer von Sparmassnahmen
«Um ungerechtfertigte FFE-Einweisungen zu verhindern, müsste das Angebot der ambulanten Unterstützung ausgebaut werden», bringt es Jürg Gassmann auf den Punkt. Und der Psychologe Martin Neuenschwander doppelt nach: «Wir brauchen eine gemeindenahe Psychiatrie mit flexiblen Angeboten. Eine noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit wäre zum Beispiel der Einsatz mobiler Teams für die Nachbetreuung: Sie könnten Hilfestellung für die Medikamenteneinnahme und andere therapeutische Interventionen garantieren.» Die Entwicklung laufe jedoch in die Gegenrichtung, kritisiert Gassmann: «Die wenigen Angebote, die wir haben, werden durch Sparmassnahmen demontiert.»

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