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Psychiatrie«Ein unglaublicher Wachstumsmarkt»

Immer mehr Patienten, immer mehr Psychiater: Das heisst aber noch lange nicht, dass die Schweiz kränker wird, sagt Sozialpsychiater Wulf Rössler.

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Beobachter: Herr Rössler, waren Sie auch schon mal beim Psychiater?
Wulf Rössler: Ich hatte einmal ein Burn-out. Mein Schreibtisch, die E-Mails, alles war mein Feind. Aus meiner Kompetenz heraus konnte ich das Problem selber lösen. Ich hätte aber absolut keine Hemmungen, zu einem Psychiater zu gehen, wenn ich beispielsweise eine Depression hätte.

Beobachter: In der Schweiz lösen viele ihre Probleme nicht selber. Die Kliniken sind voll, es gibt immer mehr Psychiater. Werden wir immer kränker?
Rössler
: Dafür gibt es keine Belege. Den Menschen geht es gut, sie sind einfach gestresster. Trotzdem gibt es jedes Jahr fünf bis zehn Prozent mehr Patienten. Das bedeutet aber nicht, dass psychische Störungen zunehmen. Die waren alle schon immer vorhanden.

Beobachter: Den Leuten geht es gut, und dennoch gehen immer mehr zum Psychiater. Wie passt denn das zusammen?
Rössler: Einerseits ist die Hemmschwelle gesunken, einen Psychiater aufzusuchen, wenn man ein Problem hat. Andererseits suchen die Menschen heute vermehrt nach psychologischen Erklärungen. In jedem Bereich. Selbst bei Krankheiten wie Krebs haben viele das Gefühl, wenn man nur wolle, könne man ihn besiegen. Sie suchen nach psychologischen Gründen für die Erkrankung, was gefährlich ist. Das setzt viele zusätzlich unter Druck. 

Beobachter: Haben also viele den Psychiater gar nicht nötig?
Rössler: Wir haben ein Gesundheitswesen, in dem zunächst der Patient sein Bedürfnis formuliert. Nicht nur in der Psychiatrie. Eine neuere Studie zeigt beispielsweise, dass Hausärzte häufig Symptome und nicht nur diagnostizierte Krankheiten behandeln. Wenn sich jemand also nicht gut fühlt, morgens nicht aufstehen mag, geht man zu schnell von einer Depression aus. Einer formalen psychiatrischen Diagnose würde das nicht standhalten.

Beobachter: Und trotzdem landen viele beim Psychiater?
Rössler: Der grösste Teil bleibt bei Hausärzten in Behandlung. Erst bei längeren Krankheitsverläufen, wenn der Hausarzt nicht mehr weiter weiss, schickt er den Patienten zum Spezialisten. Der gute Ruf der Hausärzte kommt ja auch daher, dass viele Krankheiten, die sie behandeln, einen natürlichen Verlauf haben, also auch von selbst verheilen.

Beobachter: Auch in der Psychiatrie gibt es Modekrankheiten. Gehört das Burn-out dazu?
Rössler: Burn-out ist eine Erkrankung, die mit Ihrem Arbeitsumfeld zu tun hat, aber auch von Ihrer Persönlichkeit abhängt. Es gibt Persönlichkeitsstrukturen, bei denen ein Burn-­out wenig wahrscheinlich ist. Andererseits gibt es sehr ungünstige Organisa­tionsstrukturen, die es fördern: sehr strenge Hierarchien, den Mitarbeitern keine Verantwortung und keine Informationen zu geben. Auch der «Effort-Reward» muss stimmen; das heisst, man muss etwas dafür zurückbekommen, wenn man irgendwo Energie reinsteckt. Aber was viele als Burn-out ansehen, liegt oft unter der Schwelle einer formal diagnostizierten psychischen Störung.

Beobachter: Auch Traumata nehmen zu?
Rössler: Es gab schon immer Vergewaltigungen, es gab schon immer Unfälle. Die Ereignisse, die Leute traumatisieren können, haben nicht zugenommen. Aber es gibt mehr und mehr Leute, die ihre Traumata zum Thema machen wollen. Mein Vater starb bei einem Autounfall, als ich 25 war. Da kam kein Psychologe, es war einfach ein schwe­rer Schicksalsschlag. Heutzutage wäre das eine posttraumatische Belastungsstörung.

Beobachter: Ist also nichts schlimmer geworden?
Rössler: In der Medizin gibt es zwei Kriterien, um das zu messen: einerseits die Lebens­erwartung, andererseits die Lebensqualität. Da muss man einfach sehen: Laut den Glücksforschern ist der grösste Teil der Bevölkerung mit seinem Leben zufrieden, und die Bevölkerung wird immer älter. Wir haben Sozialversicherungssysteme, die die grössten Risiken abfedern. Fast niemand ist wirklich existentiell bedroht.

Beobachter: Was gefährdet unser Glück?
Rössler: Unser berufliches wie privates Schicksal ist nicht mehr so vorgegeben wie noch vor 100 Jahren. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht ist nicht mehr so bedeutend, sie ist durchlässig geworden. Da sehe ich tatsächlich eine Gefahr: Wenn Sie in eine Buchhandlung gehen, sind da überall diese Ratgeber – «Wie werde ich reich?», «Wie werde ich begehrt?», «Wie werde ich schön?» Das vermittelt den Eindruck: Wenn man sich nur anstrengt, kann man alles erreichen. Das stimmt einfach nicht. Wenn Sie also keinen tollen Job, keinen Ferrari haben, muss das zwangsläufig mit dem Gefühl verbunden sein, dass Sie in Ihrem Leben zu kurz gekommen sind. Sehr viele Menschen haben ein gewisses Misstrauen, eine gewisse Angst um die eigene Identität. Viele leben damit, einige ziemlich schlecht. Ganz wenige sind aber wirklich schwer krank.

Beobachter: Wann ist man psychisch wirklich krank?
Rössler: Für mich verläuft die Trennlinie zwischen gesund und psychisch krank dort, wo die Funktionalität der Person beeinträchtigt ist. Wenn sie also ihre Rollen nicht mehr erfüllen kann. Nicht nur die Schwere der Symptome ist entscheidend, sondern ob sie ihre Alltagsgeschäfte noch erledigen kann oder sich zu Hause verkriecht. Das ist der Punkt, an dem wir intervenieren.

Beobachter: Die psychiatrischen Kliniken sind voll, man spricht von Psychiatermangel. Ist die Psychiatrie in der Krise?
Rössler: Davon kann keine Rede sein. Es ist ein unglaublicher Wachstumsmarkt. Wenn Sie ein Geschäft mit derartigen Zuwachsraten hätten, müssten Sie sich keine Sorgen mehr machen. Auch haben wir momentan keinen Mangel an Psychiatern. Aber sie sind im Durchschnitt relativ alt. Und man kann davon ausgehen, dass in zehn Jahren der Bestand massiv reduziert ist und nicht ersetzt werden kann. Das Problem ist, dass die Schweiz gesamthaft viel zu wenig Ausbildungsplätze in Medizin anbietet und immer weniger Mediziner Psychiater werden wollen.

Beobachter: Trotzdem: Wenige sind wirklich krank. Die Kliniken sind rappelvoll. Schafft sich die Psychiatrie ihre Patienten selbst?
Rössler: Sie verwechseln da etwas: Wer in eine Kli­­nik geht, ist wirklich krank. Aber trotzdem: Wir haben in der Schweiz deutlich mehr Psychiatriebetten als überall sonst. Das ist so, weil wir hier sehr komfortabel leben und uns Dinge erlauben, die anderswo nicht möglich sind. Doch die Fra­ge ist, wie oft und für wie lange eine stationäre Behandlung gerechtfertigt ist. Es ist das teuerste Angebot, also sollten wir mit dieser Ressource äusserst vorsichtig umgehen.

Beobachter: Die Kosten steigen aber stetig an. Was schlagen Sie vor?
Rössler: Wir wissen aus verschiedenen Unter­suchungen, dass Menschen, auch bei medizinischen Problemen, nicht in eine Klinik wollen. Die meisten bleiben lieber zu Hause. In unserer Akut-Tagesklinik etwa werden die Patienten intensiv betreut, gehen über Nacht aber nach Hause. Diese Leute sind akut krank. Es hat sich gezeigt, dass die Patienten und die Pfleger zufriedener sind, die Kosten massiv gesenkt werden können und der Heilerfolg mindestens so gut ist wie in einer Vollzeitklinik.

Wulf Rössler, 63, ist seit 1996 Direktor der Klinik für Soziale Psychiatrie in Zürich; seit 2009 ist er Gesamtprojektleiter des Zürcher Impulsprogramms zur nachhaltigen Entwicklung der Psychiatrie.

Veröffentlicht am 21. Mai 2010