Während Jahrzehnten wurde weggeschaut. Und weggesperrt. Mit dem Wahnsinn wollte man nichts zu tun haben. Den hatten einem Psychiater gefälligst vom Leib zu halten. Idioten, Querulanten, Sonderbare und Schwachsinnige gehörten ins «Irrenhaus» hinter dicke Mauern – als wären psychische Erkrankungen durch blosses Hinschauen ansteckend. Diskriminierung total.

Es war die Filmindustrie mit ihrer ebenso unterhaltsamen wie fragwürdigen Darstellung des Klinikalltags, die das Tabu um die stationäre Psychiatrie zu brechen und gleichzeitig zu vermarkten wusste: «Einer flog über das Kuckucksnest» hiess die Tragikomödie, die 1975 zum Kino-Kassenschlager und später zum Kultfilm wurde. Plötzlich war der Psychiatriealltag ein öffentliches Thema, und Millionen Menschen litten mit, als Jack Nicholson in der Rolle des aufmüpfigen Patienten mit Hirn-Elektroschocks bestraft und ruhig gestellt wurde. Folter statt Therapie – das Publikum war kollektiv empört.

Glasnost in der Psychiatrie

Nur Effekthascherei und Hirngespinste aus Hollywood? Sicher ist, dass die Anwendung der Elektrokrampftherapie (EKT) auch in der Schweiz in den Verdacht des Missbrauchs geriet und kurz darauf abgeschafft wurde. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit zum Thema Psychiatrie war nicht mehr aufzuhalten und brachte die ins Stocken geratene Psychiatriereform neu ins Rollen. Unterstützung erhielt sie auch aus Fachkreisen, von einer neuen Psychiatergeneration, die sich Human- und Sozialpsychiatrie auf die Fahne geschrieben hatte. Plötzlich wurde medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika oder Antidepressiva – bei ihrer Einführung noch euphorisch gepriesen – als blosses Ruhigstellen und Dumpfmachen angeprangert. Die Öffentlichkeit forderte Transparenz und wollte mehr wissen über Zwangsjacken, Gummizellen und Notinjektionen bei akut psychotischen Menschen.

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Das blinde Vertrauen in die psychiatrischen Institutionen und die bis anhin unantastbare Autorität ihrer Vertreter waren erschüttert. Psychisch Kranke wurden nicht länger wie Aussätzige behandelt, sondern als Hilfsbedürftige betrachtet, deren Autonomie es durch die Öffentlichkeit zu schützen galt. Zwangseinweisungen – bislang eigenmächtig von Psychiatern verfügt – galten als Freiheitsentzug und stellten damit ein menschenrechtliches Problem dar. Mit Einführung der Gesetzesbestimmung über den «fürsorgerischen Freiheitsentzug» wurde versucht, die Verantwortung für eine Zwangshospitalisierung auf verschiedene Ebenen zu verteilen.

Die Schweizer Psychiatrie hat Tradition. Sie genoss und geniesst noch heute weltweite Anerkennung. Doch Psychiatrie ist dem Zeitgeist unterworfen, und so ging die menschenverachtende Lehre der Rassenhygiene und Eugenik, wie sie im nationalsozialistischen Deutschland verkündet wurde, auch an den damaligen schweizerischen Kapazitäten nicht spurlos vorbei. Unter dem 1934 erlassenen Gesetz «zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» wurden in Deutschland 400'000 psychisch und körperlich Kranke oder sonstwie Auffällige zwangssterilisiert und Tausende von «unwerten Essern» umgebracht. Opfer der skandalösen Ausmerzaktionen waren auch Alkoholkranke, «Arbeitsscheue», Epileptiker und körperlich Behinderte.

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In seinem kürzlich erschienenen Buch «Hirnriss» weist der Autor und Historiker Willi Wottreng den beiden Schweizer Vorzeigepsychiatern August Forel und Eugen Bleuler, die Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkten, eugenische Denkmuster nach und arbeitet einige Fälle von Zwangssterilisationen auf, die eindeutig gesellschaftshygienischen Charakter hatten. Bei den Recherchen zu seinem Buch sei ihm der Zugang zu Quellen teilweise erschwert, die Archiveinsicht mitunter gar verweigert worden, klagt der Historiker. Für die immer lauter geforderte öffentliche Vergangenheitsbewältigung scheint die Schweizer Psychiatrie noch nicht wirklich bereit zu sein.

Wahnwitziger Spardruck

Sie wird im Moment ohnehin von akuteren Sorgen geplagt. In den psychiatrischen Kliniken brodelt es: Während unter immensem Spardruck immer mehr Betten abgebaut werden, sind die Akutstationen wegen krasser Uberbelegung gezwungen, Notbetten in Zimmern und Gängen aufzustellen. Gemäss Daniel Hell, ärztlichem Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, war die Entwicklung absehbar: In den letzten zehn Jahren nahmen die Eintritte um 40 Prozent zu, an der Zürcher Universitätsklinik verdoppelten sie sich sogar. Auffallend zugenommen haben laut Hell vor allem Depressionen und aufwändig zu behandelnde Mehrfachdiagnosen: die modernen Opfer von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichem Druck, sozialer Destabilisierung und Vereinsamung.

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Hinzu kommen immer mehr Suchtkranke und neuerdings auch traumatisierte Asylbewerber und Kriegsversehrte.

Alles Krankheitsbilder, die Zeit, Raum und individuelle Zuwendung erfordern. Das aber kostet Geld, das niemand mehr zahlen will. Unter dem Spardruck der öffentlichen Hand und dem Kostendruck der Krankenkassen haben sich die psychiatrischen Kliniken von Langzeittherapiestationen zu Akutspitälern gewandelt: Lag die durchschnittliche Aufenthaltsdauer vor zehn Jahren noch bei 160 Tagen, werden die Patienten heute in der Regel nach 30 Tagen wieder nach Hause geschickt. Ob stabilisiert und alltagstauglich, das ist eine andere Frage. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation «draussen» ist die Gefahr eines Rückfalls in eine erneute seelische Krise entsprechend hoch. Zwar wurden landesweit die externen psychiatrischen Dienste ausgebaut und ambulante Behandlungsformen gefördert, doch vermag das Netz die rasant wachsende Zahl von Patienten offensichtlich nicht aufzufangen. «Wird nicht bald Gegensteuer gegeben, wird in der Psychiatrie künftig wieder mehr ruhig gestellt und weniger behandelt», befürchtet Daniel Hell.

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Und: «Die Psychiatrie ist dann in Gefahr, wenn ihre Vertreter keine Zeit und keine Möglichkeit mehr haben, sich mit ihren Patienten persönlich und individuell auseinanderzusetzen.»

Das Ende der Seelenheilkunde?

Diese Entwicklung ist umso tragischer, als sie just in eine Zeit fällt, wo der Psychiatrie eine ideologische Spaltung droht: Hirn-, Gen- und Pharmaforschung versus Psychotherapie. Anhänger der Human- und Sozialpsychiatrie wittern eine schleichende Abschaffung der Psychotherapie zugunsten von pharmakologisch-biologischen Behandlungsmethoden. Aber Psychiatrie bedeutet eigentlich Seelenheilkunde. Und eine kranke Seele lässt sich nicht rein medizinisch und rational diagnostizieren. Ein depressiver Mensch leidet eben nicht nur unter fassbaren Störungen wie Appetit- oder Schlaflosigkeit, vielmehr quälen ihn irrationale Symptome wie Ängste, Zwänge und ein verändertes Denken, Fühlen und Handeln.

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«Psychisch krank ist nicht ein Hirn, sondern eine Person», betont Daniel Hell. Psychopharmaka können den Heilungsprozess zwar unterstützen, für ein langes gesundes Leben muss aber auch das soziale und persönliche Umfeld in Ordnung gebracht werden. Oder wie Hell an einer Tagung sagte: «Die Psychiatrie hat die menschliche Wirklichkeit teilweise entzaubert und sie dann mit allerlei Medikamenten wieder zu verzaubern versucht.»

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Dieser Beitrag erschien in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf