Schmunzeln, Kopfschütteln, Empörung: Auch dieses Jahr hat die TV-Sendung «Quer» wieder einige «So nicht!»-Fälle aus der reichen Auswahl des Beobachter-Beratungsdienstes verfilmt. Fazit: Das Leben schreibt noch immer die absurdesten Drehbücher – und wenn dazu noch Sturheit und blinde Paragraphenreiterei Regie führen, dann entstehen zuweilen die unerhörtesten Geschichten. Wir blicken zurück auf drei wahre Fälle – und schauen, was aus ihnen geworden ist.

«Mann und Frau sind gleichberechtigt.» Das ist nicht etwa der Anfang eines Märchens, sondern der Wortlaut von Artikel 4 Absatz 2 der Schweizerischen Bundesverfassung. Doch mag die geschlechtliche Gleichstellung seit bald zwanzig Jahren in der Verfassung verankert sein, stattfinden tut sie noch längst nicht überall.

Gemeinde betoniert Rollenteilung
Silvia und Beat Hauenstein gehen seit 16 Jahren Seite an Seite durchs Leben. Gleichberechtigt und partnerschaftlich kümmern sie sich um ihren landwirtschaftlichen Betrieb und ihre Familie. Geschlechtsspezifische Aufgabenteilung gibt es nicht. Silvia kennt die Tricks und Kniffe im Traktor genauso gut wie Beat jene im Haushalt und in der Kindererziehung. Sie besprechen und entscheiden alles gemeinsam.

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Darum staunten sie nicht schlecht, als sie den Brief der Gemeindeverwaltung Basadingen TG öffneten, der beide etwas anging, aber nur an Beat adressiert war. Im amtlichen Schreiben wurde Beat Hauenstein als «Hauptperson» bezeichnet, was Silvia zur «Nebenperson» degradierte. «In unserer Ehe gibt es weder Haupt- noch Nebenrollen», empörte sich auch der Mann im Haus. Dass die Bäuerin ausserdem nicht als Ehepartnerin, sondern als «Ehepartner» der «Hauptperson» aufgelistet wurde, war nur das Pünktchen auf dem fehlenden «i». Es ist nicht Hauensteins Art, aus jedem Mückenweibchen eine Elefantin zu machen – trotzdem wiesen sie die Gemeindeverwaltung gemeinsam auf die unsensiblen Sprachblüten hin.

Aber der amtliche Verfasser des Schreibens – hier darf ohne Zweifel die männliche Form gewählt werden – hüllt sich bis zum heutigen Tag in Schweigen. Unterdessen leben es die Hauensteins Tag für Tag vor: Gleichberechtigung ist das Rezept für eine funktionierende Partnerschaft. Ob es die Verwaltung auch gemerkt hat, wird sich mit ihrem nächsten Schreiben weisen.

Arbeitslosenamt bodigt Initiative
Jahrelang hatte Ruth Muttenzer als Angestellte einer Beleuchtungsfirma hiesige Restaurants ins rechte Licht gerückt und in Büroräumen für den klaren Durchblick gesorgt. Als das deutsche Unternehmen sich aber aus dem Schweizer Markt zurückzog, wurde Ruth Muttenzer von einem Tag auf den anderen arbeitslos und lernte gleichzeitig die Schattenseiten der schweizerischen Bürokratie kennen – in diesem Fall der zürcherischen. Nachdem sie sich bei der Arbeitslosenkasse angemeldet hatte, mochte sie nicht einfach die Hände in den Schoss legen und auf bessere Zeiten hoffen. Sie ging beherzt auf Stellensuche und versuchte gleichzeitig, sich als Beleuchtungsspezialistin selbstständig zu machen. Ihre Bemühungen blieben leider ohne Erfolg. Von der Arbeitslosenkasse wurde sie für ihren Tatendrang gar noch bestraft: Frau Muttenzer sei selbstständig erwerbend und darum weder vermittelbar noch zum Bezug von Taggeldern berechtigt, hiess es.

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Die «selbstständig Erwerbende» ohne Erwerb beschloss, um ihr Arbeitslosengeld zu kämpfen. Dass für sie damit ein über fünfjähriger Irrlauf durch sämtliche Instanzen beginnen sollte, ahnte sie damals noch nicht. Das Eidgenössische Versicherungsgericht entschied schliesslich, dass sie «sehr wohl vermittelbar» gewesen sei und mit ihrem Erwerbsversuch «zur Schadensminderung beigetragen habe». Doch die Zürcher Instanz stellte sich erneut quer und rechnete der Klägerin ein zu hohes Einkommen an, das sie nie verdient hatte.

Was blieb Ruth Muttenzer anderes übrig, als ein trauriges Fazit zu ziehen: Ehrlichkeit und Selbstinitiative zahlen sich offenbar nicht immer aus. Der Arbeitslosen wäre eine Menge Korrespondenz, Zeit und Ärger erspart geblieben, wäre sie nicht nur arbeitslos, sondern auch tatenlos geblieben. Erst am Schluss siegte der gesunde Menschenverstand: Nach sechs Jahren Kampf – und nach Ausstrahlung der Fernsehsendung «Quer» – erhielt Ruth Muttenzer, die längst wieder eine Stelle gefunden hat, ihr Arbeitslosengeld für die joblosen zwei Monate doch noch.

Verwaltung schikaniert Hauswart
Sie sind zuständig für Ordnung und Sauberkeit und befinden sich meist in einer ungemütlichen Position, im Sandwich zwischen nörgelnden Hausbewohnern und erwartungsvollen Vermietern. Die Rede ist von den nebenamtlichen Hauswarten in Mehrfamilienhäusern. Sie sind oft Kunden des Beobachter-Beratungsdienstes, denn ihr Pflichtenheft ist gross, der Lohn klein, der Arbeitsvertrag meist lausig.

Bruno Bunkhofer hat sein Hauswartsmandat als moderne Versklavung erlebt. Die Basler Spaini Bau und Verwaltungs AG nahm den neuen Hauswart vor zwei Jahren hart an die Kandare. Zum Arbeitsvertrag erhielt Bunkhofer ein neunseitiges Pflichtenheft, das sich gewaschen hatte. Es war nicht nur umfangreich, pingelig und in militärischem Ton abgefasst, sondern machte aus Bunkhofer gegen seinen Willen einen gestrengen Ordnungshüter.

Er hatte falsch parkierte Fahrzeuge zu verzeigen, vorwitzige Pflänzchen «sofort» zu entfernen und im Gebäude für klinische Sauberkeit zu sorgen. Mit Argusaugen wurde er bei seinem Tun von der Verwaltung überwacht und beschnüffelt. Roch es im Treppenhaus nicht nach Reinigungsmittel, wurde sein Putzverhalten bemängelt. Und das alles für 600 Franken Monatslohn. Unter die unmöglichen Vertragsbestimmungen mischten sich auch einige widerrechtliche. So zum Beispiel die Anordnung, dass der Hauswart bei Ferien-, Krankheit- oder Militärabwesenheit auf seine Kosten eine geeignete Ersatzkraft zu stellen hat.

In Unkenntnis der Rechtslage hat Bunkhofer tatsächlich für seine Ferien sowie für die Dauer einer unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit eine Vertretung organisiert und diese auch bezahlt.

Was Bunkhofer nicht wusste: Der Hauswart im Nebenamt ist ein Teilzeitarbeitnehmer wie jeder andere auch und hat gesetzlichen Anspruch auf mindestens vier Wochen Ferien pro Jahr sowie auf befristet fortgesetzte Lohnzahlung bei Krankheit und Unfall. Mit Hilfe des Beobachters erhielt der Hauswart seine Lohnausgaben zurück. Und zog unter die leidige Sache einen definitiven Schlussstrich: Er kündigte bei der Spaini AG nicht nur seinen Arbeits-, sondern gleich auch seinen Mietvertrag.