Miryam Eser Davolio ist Erziehungs­wissenschaftlerin und Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

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Beobachter: Sie haben 66 Fälle von Schweizer Dschihad-Reisenden analysiert, verwerteten auch Informationen des Nachrichtendienstes. Wie oft haben Imame oder Moscheen bei der Radika­lisierung eine wichtige Rolle gespielt?
Miryam Eser: In keinem Fall. Zumindest nicht aus Sicht der Dschihadisten, die der Nachrichtendienst befragen konnte.

Beobachter: Das überrascht. Laut Medien sollen Dschihadisten zum Beispiel regelmässig in der An’Nur-Moschee in Winterthur verkehrt haben. Aus diesem Umfeld sind auch mindestens sieben Personen in den Krieg nach Syrien gezogen.
Eser: Das sind neue Informationen. Die Rolle der Moschee und der Prediger müssen aber genauer untersucht werden. Wir sollten aufpassen, dass wir solche Vorgänge nicht falsch interpretieren.

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Beobachter: Was könnte man daran falsch interpretieren?
Eser: Wer eine Moschee besucht und später in den Dschihad zieht, ist nicht unbedingt durch die Moschee radikalisiert worden. Das geschieht meist ausserhalb, via Internet und einen radikalisierten Freundeskreis. Längst nicht jeder dschihadistisch motivierte Kriegsreisende verkehrte in Moscheen.

Beobachter: Was wissen wir über die Gotteskrieger?
Eser: Anfang Jahr gab es 66 bestätigte oder vermutete Fälle. Die meisten waren zwischen 20 und 35 Jahre alt, die ­Ältesten gegen 50. Es sind meist nicht verführte Jugendliche, sondern selbstverantwortliche Männer. Frauen gab es nur drei. 12 der 66 sind Konvertiten, die Hälfte von ihnen EU-Bürger oder Doppelbürger. Von den gebür­tigen Muslimen stammt die grosse Mehrheit aus Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und aus Somalia, 18 von ihnen sind Schweizer Bürger.

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Beobachter: Sie sagen, die meisten von ihnen würden via Internet radikalisiert. Der Islamische Staat betreibt zwar eine Propagandamaschine, die den Krieg als Abenteuer verharmlost, «Kreuzritter» abschlachtet und das Kalifat als Staat mit glücklichen Muslimen verklärt. Lassen sich Muslime so einfach verführen?
Eser: Nein, die Gehirnwäsche funktioniert subtiler – und geht weiter. Zentral ist dabei das Bild der weltweit unterdrückten Muslime. Das weckt natürlich ein Bedürfnis, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Hinzu kommen eine radikale Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Ungläubigen und Gläubigen, ein Todeskult mit Heilsversprechen und ein romantisiertes Heldentum. Das hat viel mit Sekten gemein. Nur werden die vom IS Verführten für einen politisierten Krieg missbraucht.

«Die Gehirnwäsche des IS hat viel mit Sekten gemeinsam.»

Miryam Eser Davolio, Erziehungswissenschaftlerin

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Beobachter: Neben der Ideologie braucht es doch reale Menschen, die einen überzeugen, Gewalt anzuwenden.
Eser: Ja, aber man darf die sozialen Netzwerke im Internet nicht unterschätzen. Über sie tritt man ja sehr schnell mit realen Personen in Kontakt, die man später auch treffen kann. Wir ­haben diverse Plattformen dazu ­untersucht und auch einen kleinen Selbstversuch mit drei konstruierten Facebook-Profilen gemacht, mit zwei jungen Muslimas und einem Muslim.

Beobachter: Was ist geschehen?
Eser: Das Profil der Schweizer Muslima mit verschleiertem Gesicht auf dem Bild und einer geposteten Koransure erhielt innert weniger Stunden 341 Freundschaftsanfragen sowie Heiratsanträge aus Indonesien, Syrien und anderen muslimischen Ländern. Beim Mann war das Interesse deutlich geringer. Das Experiment zeigt aber, wie einfach Kontakte zu realen Personen entstehen, die einen auch motivieren können, etwa nach Syrien zu reisen.

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Beobachter: Sie haben auch einen Dschihad-Rückkehrer interviewt. Wurde auch er über das Internet radikalisiert?
Eser: Wir haben via Geheimdienst Briefe in acht Sprachen an alle erfassten Dschihadisten und an Angehörige verteilen lassen – mit der Bitte, mit uns in ­Kontakt zu treten. Bisher war aber nur einer bereit, über seine Erfahrungen zu berichten. Bei ihm begann alles aus einer humanitären Motivation heraus. Der 31-jährige Konvertit aus einer wohlhabenden Freiburger Familie ohne muslimischen Hintergrund reiste mehrmals nach Palästina, um dort als Krankenwagenfahrer zu arbeiten. Zurück in der Schweiz, konvertierte er zum Islam. Als er nach einem Unfall viel Zeit zu Hause und im Internet verbrachte, driftete er immer stärker in die Welt des IS ab. Über Kontakte nach Frankreich verliess er Ende 2013 die Schweiz und reiste dann über die ­Türkei nach Syrien. Sein Hauptmotiv ­dafür, nach Syrien zu reisen, bestand darin, den Kampf gegen Diktator ­Assad zu unterstützen.

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Beobachter: Und warum ist er wieder hier?
Eser: Alles war eine riesige Enttäuschung. Er wollte beim Aufbau des Islamischen Staates mithelfen, aber nicht zur Waffe greifen. Der IS verhaftete ihn darauf wegen Verdachts auf Spionage. Er sass 51 Tage im Gefängnis und musste viele Gräueltaten miterleben. Letztlich wurde er aber freigelassen.

«Geläuterte Rückkehrer können eine grosse Hilfe für die Prävention sein.»

Miryam Eser Davolio, Erziehungswissenschaftlerin

Beobachter: Wie sollen wir denn mit Dschihad-Rückkehrern umgehen?
Eser: Gegen alle werden ja Strafverfahren wegen Unterstützung einer terroris­tischen Vereinigung und fremder Kriegsdienste eröffnet. Man muss den Einzelfall aber genauer anschauen. Meist kommen sie desillusioniert und traumatisiert zurück, nur wenige bleiben weiter von der IS-Ideologie überzeugt. Geläuterte Rückkehrer können eine grosse Hilfe sein für die Prävention. Dazu braucht es einen Tatbeweis des Rückkehrers. Wenn Zweifel be­stehen, sind neben Freiheitsstrafen und der Einschränkung der Reisemög­lichkeiten professionelle Betreuungen ­unerlässlich, um die Person zu deradikalisieren. Denn früher oder später wird sie ja wieder unter uns leben.

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Beobachter: Einen Hassprediger kann man verhaften, eine Moschee vielleicht schliessen. Doch wie kann man eine Radikalisierung via Internet verhindern?
Eser: Über das frühe Erkennen, zum Beispiel wenn jemand plötzlich einen salafistischen Lebensstil zu pflegen beginnt und dschihadistische Gewalttaten rechtfertigt oder relativiert. Solche Personen dürfen sich nicht weiter abkapseln, sondern müssen in die reale Gesellschaft zurückgeholt werden. Dazu braucht es alle: die Angehörigen, die Schulen, Polizisten und gut aus­gebildete Imame. Sie alle müssen sich einfach und schnell externe Unterstützung holen können. Das funktioniert heute nicht. Es gibt gerade mal eine Extremismus-Beratungsstelle in Bern.

Beobachter: Was unternehmen Imame und Moscheen gegen die Verbreitung von dschihadistischem Gedankengut?
Eser: Unsere Befragungen zeigen, dass sie vermehrt aktiv dagegen vorgehen. Imame, Vorstände und Jugendvereine tun das, indem sie Personen mit ihren Aussagen konfrontieren und dagegen argumentieren. Wenn das nicht hilft, werden auch Leute ausgeschlossen, denn die meisten Moscheen fürchten um ihren Ruf. Damit steigt aber das Risiko, dass problematische Personen ganz vom Radar verschwinden. Auch in solchen Fällen braucht es externe Hilfe. Viele Imame stossen sprachlich und psychologisch schnell an Grenzen, wenn sie hier aufgewachsene Männer überzeugen wollen. Sie müssten professioneller ausgebildet werden. Leider funktioniert auch das nicht. An einer Weiterbildung für religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext der ZHAW haben nur sieben Imame aus dem Kanton St. Gallen teilgenommen – dem einzigen Kanton, der das Projekt finanziell unterstützt. 90 Prozent der Moscheevereine sind aber ausgesprochen arm und können eine solche Ausbildung kaum finanzieren.

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