Plutonium-239, Cäsium-137, Strontium-90, Uran-235, Cobalt-60: Was im Zwischenlager (Zwilag) im aargauischen Würenlingen an radioaktiven Abfällen lagert, ist brandgefährlich. Unser Atommüll hätte das Potential, weite Teile des Landes unbewohnbar zu machen. Würde man sich ungeschützt neben ein altes Brennelement aus einem AKW stellen, wäre man innert Sekunden tot.

«Schüren Sie bloss keine Panik», sagt Walter Heep, der Geschäftsführer des Zwilag. «Respekt ist gut, Angst braucht man keine zu haben.» Der gemütliche Deutsche steht in einem gelb gestriche­nen Gang im Untergeschoss der Anlage, «kontrollierte Zone». Laborkittel und Überschuhe sind hier Pflicht. Ebenso ein Dosimeter, das laufend die radio­aktive Strahlung misst.

Quelle: Dieter Enz/Comet Photoshopping
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Was, wenn ein Flugzeug abstürzt?

Journalisten führt der CEO persönlich durch drei grosse Hallen und mehrere Nebengebäude, die unterirdisch mit­einander verbunden sind. Der schwach- bis hochradioaktive Müll, der hier lagert, ist bis zu 40 Jahre alt und stammt aus den Schweizer AKW, aus der Forschung und der Medizin. Aufwendige Sicherheits­vorkehrungen sollen dafür sorgen, dass nichts passiert. «Jede andere Industrie­anlage ist gefährlicher», sagt Heep. Und: «Gehen Sie in den Wald, und Sie sind ­höherer Radioaktivität ausgesetzt.» Oder: «Natürlich haben wir bei unserer Sorgfalt die Atomkraft im Griff.»

Umweltschützer, aber auch unabhängige Atomexperten sehen das etwas anders. Sie rechnen vor, wie viele tausend Jahre lang Plutonium strahlt. Sie kritisieren, dass nicht alle Zwilag-Gebäude einem abstürzenden Flugzeug standhalten würden. Und sie stören sich daran, dass aus dem Zwischenlager strahlende Abwässer in die Aare und radioaktive Gase in die Luft gelangen.

Abfälle werden verbrannt

Wir begegnen der ersten Altlast, einem 90 Zentimeter hohen und 30 Jahre alten, gelben Fass. Auf einem Rollband ruckelt es aus einer Luke in der Wand im Unter­geschoss. Lichter blinken. Alarmsirenen heulen. «Schnell zur Seite treten jetzt», sagt Heep. Das Fass rollt ferngesteuert auf ein unbemanntes Gefährt. Wie von Geis­terhand gesteuert, fährt der Wagen los, einem roten Strich auf dem blitzblank geputzten Boden folgend.

«Früher ging man mit den radio­aktiven Fässern mit der Sackkarre über den Hof», sagt Heep. «Heute ist fast alles ferngesteuert.» Grund dafür sei das so­genannte Alara-Prinzip. Alara steht für «as low as reasonably achievable»: Den Mitarbeitern soll so wenig Radioaktivität zugemutet werden, wie es vernünftigerweise machbar ist. Mittel zum Zweck sind Wagen, Rollbänder, Kameras, Geiger­zähler, Sicherheitsschleusen, Warnlampen und -schilder, Luft- und Wasserfilter und allerlei weitere technische Vorrichtungen.

Ein Mitarbeiter tritt an das Fass und fährt zur Kontrolle mit einem Geigerzähler über den Deckel. Das Gerät beginnt wild zu knattern. 0,006 Millisievert pro Stunde, notiert der Angestellte. «Wo man misst, misst man immer was», sagt Walter Heep. Und ergänzt: «Wenn Sie nicht tagelang drauf sitzen, geht von diesem Fass keinerlei Gefahr aus.»

Einige Minuten später schauen wir durch eine Glasscheibe zu, wie zwei An­gestellte das Fass öffnen. Bekleidet mit ­Labormantel, Handschuhen, Gasmaske und Staubschutz, zerren sie von Hand verstrahlten Bauschutt und Stahlelemente aus dem Behälter. Später wird der Müll in Säure- oder Ultraschallbädern dekontaminiert oder im Plasmaofen verbrannt.

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Walter Heep führt in den Kontrollraum des 100 Millionen Franken teuren Ofens. Drei Angestellte sitzen vor Bildschirmen und beobachten, wie der Atommüll verbrennt. Sein Volumen verringert sich dabei um rund vier Fünftel. Was übrig bleibt, fliesst als verglaste Schlacke in einen Behälter, der darauf zwischengelagert wird.

Befeuert wird der Plasmabrenner mit hochionisiertem Stickstoff. Mehrere tausend Grad heiss wird die Flamme. Das war einer der Gründe, weshalb der Apparat nach der Installation im Jahr 2000 für längere Zeit bockte. «Sorgen mit Plasmaofen», titelten die Medien. Und: «Atommüll-Ofen vor dem Aus». Erst vor sechs Jahren waren alle Kinderkrankheiten ausgemerzt.

Heute ist man stolz auf das Gerät. ­«Unser Ofen ist weltweit einzigartig», sagt Heep. Ein Unfall sei praktisch ausgeschlossen, alle wichtigen Teile seien doppelt oder dreifach ausgeführt. «99,9 Prozent der Schadstoffe werden aus dem Abgas ausgefiltert.» Ausser den radioaktiven Edelgasen: «Die hält kein Filter der Welt zurück.»

Austretende Radioaktivität

Was Walter Heep nicht erwähnt: Aus dem Zwilag gelangt erstaunlich viel Radioaktivität in die Umgebung. Konkrete Zahlen findet man im Strahlenschutzbericht 2010 des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). So wurde zum Beispiel rund eine Milliarde Becquerel Cäsium-137 in die Aare abgegeben. Das ist zwar nicht mal ein Hundertstel des Grenzwerts, aber deutlich mehr, als jedes der AKW Beznau, Gösgen oder Leibstadt in den Fluss abgibt. 2009 war die Cäsiumabgabe gar um zwei Drittel höher. Fast 10'000-mal mehr als die Emissionen des AKW Leibstadt. Deshalb musste das Zwilag auf Betreiben des Ensi einen besseren Filter einbauen.

Auch Tritium gelangt in die Aare: 2010 waren es insgesamt 200 Milliarden Becquerel. Das entspricht etwa der Belastung durch ein AKW. Hinzu kamen Tritium­abgaben von 90 Milliarden Becquerel über den Kamin. «Das sind schon beträchtliche Mengen», sagt Stefan Füglister, Atom­experte bei Greenpeace. «Ich würde jedenfalls nicht unterhalb des Zwilag in der Aare schwimmen.»

Auch André Herrmann, Vorsitzender der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz, spricht von einer «relativ hohen Aktivität». Allerdings würden die in die Aare abgegebenen Stoffe rasch ­verdünnt. Und da die Grenzwerte nicht ­erreicht würden, bestehe wohl keine Gesundheitsgefährdung. «Eine Belastung ist das aber schon.» Das Ensi schliesslich schreibt, eine gesundheitliche Beeinträchtigung sei «nicht zu erwarten».

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Die IAEA kontrolliert mit

Besonders heikel ist die Freisetzung des ­radioaktiven Kohlenstoffs C14 über den Zwilag-Kamin. Mit 100 Millionen Becquerel liegen diese Emissionen zwar deutlich unter dem Grenzwert. Trotzdem ist der Stoff gefährlich, weil er sich in lebenden Zellen einlagern kann. Daher verbrennt das Zwilag Abfälle, aus denen C14 entweicht, nur noch in den Wintermonaten, also ausserhalb der Vegetationsperiode, damit sich das radioaktive Isotop nicht in Feldfrüchten anreichert.

Walter Heep passiert eine Sicherheitsschleuse, um ins Innerste des Zwilag zu gelangen. Er meldet sich an einem Gerät an, das ihn anhand der Venen auf der Handinnenfläche erkennt. «Der neuste Stand der Technik», sagt der Ingenieur. «Nicht einmal James Bond hat ein solches Ding.» Doch die gelobte Technik versagt. Nur ein rotes Lämpchen blinkt. Erst nach einem kurzen Telefongespräch öffnet sich die Tür.

Heep schreitet voraus in die Halle H. Hier sind die gefährlichsten Hinterlassenschaften des nuklearen Zeit­alters ein­gelagert: abgebrannte Brenn­stäbe aus den Atomkraftwerken und Abfälle aus der ­Wiederaufbereitungsanlage La Hague (F). Verpackt ist die Altlast in insgesamt 34 überdimen­sionierte Milchkannen, im Volksmund Castoren genannt. Die sechs Meter hohen und rund 120 Tonnen schweren Behälter strömen eine beunruhigende Wärme aus, die noch in zehn Metern Entfernung zu spüren ist. «Das ist nur Wärmestrahlung», sagt der CEO. «Da kommt ­keine Radioaktivität raus.»

Laut Heep halten die Behälter Stürze aus neun Metern Höhe aus, können stundenlang im Wasser liegen, überstehen Brände und würden auch einem Flugzeug-Crash standhalten. Ändert sich der Gasdruck zwischen den zwei Deckeln, lösen Sonden Alarm aus. Eine fast schon ­rührende ­Sicherheitsmassnahme ist am Dach der Halle zu finden: zwei Kameras der Inter­nationalen Atomenergie-Behörde (IAEA). Sie erlauben den Kontrolleuren Tag und Nacht, einen Blick in die Halle zu werfen. «Ohne Erlaubnis aus Wien dürfen wir die Castoren keinen Millimeter verschieben», schmunzelt Heep.

Rund 40 Jahre lang müssen die stark strahlenden Abfälle abkühlen, bis sie in ein Endlager gebracht werden können. Nur dass es noch kein solches gibt. «Ich bin aber guten Mutes, dass man sich bis in zehn Jahren auf den Standort einigen kann», sagt Heep. Bis das Lager gebaut ist, dauert es dann nochmals einige Jahrzehnte. Heep rechnet damit, dass die Menge aller nuklearen Abfälle, die die Schweiz je «produzieren» wird, etwa dem Volumen der Zürcher Bahnhofshalle entspricht.

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Ein Restrisiko bleibt

In dieser Menge eingerechnet sind auch die mittelradioaktiven Abfälle. Sie werden im Zwilag in einer separaten Halle deponiert. Eingegossen in torpedoförmige Behälter, warten sie in tiefen Betonschächten auf die Endlagerung. Ein Flugzeugabsturz in diesen Bereich wäre wohl folgenschwerer als in Halle H. Das Gebäude würde einem Crash nicht standhalten. Immerhin sollen spezielle Betonränder im Notfall verhindern, dass brennender Treibstoff in die Lagerschächte fliessen kann.

Auch die meisten anderen Gebäude des Zwilag könnten ein abstürzendes Flugzeug nicht aufhalten, wie Stefan Füglister von Greenpeace kritisiert. Ergo kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei einem Absturz Radioaktivität in grösseren Mengen austritt. «Und was ist, wenn eine wichtige Schaltzentrale betroffen wäre?», fragt Füglister. Das seien dann eben die sogenannten Restrisiken.

«Restrisiken gibt es immer», sagt Heep, «sogar bei einem Windrad haben Sie die.» Was er nicht sagt: Das Zwilag liegt in der Abflugschneise des Flughafens Kloten sowie in der Nähe einer Warteschleife.

Am 21. Februar 1970 stürzte bei Würenlingen ein Passagierflugzeug der Swissair in den Wald. Dort befindet sich heute ein Gedenkstein, bloss 700 Meter vom Zwilag entfernt.