Am 3. Juli 2012 kracht in Winterthur ein Motorkarren des Tiefbauamts in Dino Müllers Ford Mondeo. Für den 37-jährigen Informatiker beginnt damit ein absurder Kampf gegen die Mühlen der ­Justiz, der ihn bis heute belastet.

Müller ist gerade dabei, aus ­einer Seitenstrasse nach links auf die Seenerstrasse in Wintherthur einzubiegen, als ihn der Motorkarren von links rammt. Dessen Fahrer Giorgio Zanetti (Name geändert) behauptet gegenüber der Polizei jedoch, von rechts gekommen zu sein, Müller habe ihm den Vortritt abgeschnitten. Zanettis Blutprobe ergibt 0,88 Promille.

Der Polizeirapport übernimmt ­jedoch Zanettis Version, ohne Müllers Aussage zu berücksichtigen. Stadtrichterin G.B. ­verurteilt Müller zu 690 Franken Busse, weil er den Vortritt missachtet habe. Müller versteht die Welt nicht mehr: «Jeder Laie sieht sofort, dass sich der Unfall nicht so abgespielt haben kann wie im Polizeirapport ­beschrieben. Ich bog nach links ab, bei meinem Wagen ist der linke Kotflügel beschädigt. Wie soll das gehen, wenn der Motorkarren von rechts kam, wie der Mitarbeiter des Tiefbauamtes behauptet?»


Quelle: Thinkstock Kollektion
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Physikalisch unmöglich

Müller ficht den Strafbefehl an. Bei seiner Einvernahme versucht er – ohne Erfolg – die Stadtrichterin M. E. vom Offensichtlichen zu überzeugen: Bei einem links abbiegenden Auto kann der linke Kotflügel nicht beschädigt werden, wenn das andere Fahrzeug von rechts kommt. Hinzu kommt: Wenn Zanettis Schilderung zuträfe, müsste sich sein Fahrzeug durch den Aufprall um 180 Grad ­gedreht haben – beim geringen ­Tempo physikalisch unmöglich.

Müller fühlt sich, «als redete ich ­gegen eine Wand». Weil er nicht verstehen kann, warum Stadtrichterin M. E. ihm kein Gehör schenken will, verlangt er volle Akteneinsicht – ein Recht, das jedem Beschuldigten zusteht. Doch: «Mehrfach verweigerte mir das die Stadtrichterin mit dem Hinweis, ich könnte damit an die Medien gehen. Dabei dachte ich damals nicht im Traum daran.» Das Stadtrichteramt bestreitet diese Darstellung: «Herr Müller erhielt bei der Ein­vernahme rechtliches Gehör und Gelegenheit, seine Einwendungen anzubringen. Ihm wurden die Akten auf sein Gesuch hin herausgegeben.»

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«Ich fühlte mich, als hätten sich alle gegen mich verschworen.»

Dino Müller

Auch Zanetti wird einvernommen. Er behauptet, er sei vor der Kollision an einer Avia-Tankstelle vorbeigekommen. Bloss: Diese liegt gar nicht an der Strecke, die er gefahren sein will. Nun scheinen auch die Stadtrichterin Zweifel zu beschleichen. Sie fordert bei der Axa Winterthur einen Vorbericht über den Unfallhergang an. Für Dino Müller unfassbar: Auch der Leiter der Unfall­analyse der Axa-Versicherung bestätigt Zanettis Version. «Ich fühlte mich, als hätten sich alle gegen mich verschworen», sagt Müller. Die Richterin fordert ein definitives Gutachten an. Doch der Leiter der Axa-Unfallanalyse erklärt sich nun für befangen, da er «mittlerweile auch intern engagiert» sei. Das ist für Müller ein Glücksfall. Die Richterin vergibt den Auftrag zur Analyse des Unfalls an das St. Galler Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt. Dieses bestätigt Müllers Version, Zanettis Schilderung des Unfalls sei «ausgeschlossen».

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Die Richterin hebt den Strafbefehl auf

Am 31. März 2014 hebt Richterin M.E. den Strafbefehl auf. «Dass ein so einfacher Fall derartige Dimensionen annehmen kann, finde ich erschütternd», bilanziert Dino Müller.

Er will die Sache nicht auf sich ­beruhen lassen. Weil die Stadtrichterin kein Verfahren gegen Zanetti eröffnet hat, wird er Strafanzeige wegen Begünstigung einreichen.