Beobachter: Den Waschküchenschlüssel bezeichnet Schriftsteller Hugo Loetscher in seinem gleichnamigen Aufsatz als den «Schlüssel für demokratisches Verhalten und ordnungsgerechte Gesinnung». Ist das typisch schweizerisch?
Peter Schneider:
Der berüchtigte Waschküchenschlüssel scheint tatsächlich eine Schweizer Spezialität zu sein. Dabei ist eine gemeinsame Waschküche ökologisch durchaus eine sinnvolle Regelung. Ökonomisch aber ist sie längst überholt, da sich mittlerweile jeder eine eigene Waschmaschine leisten könnte. Was einstmals aus der Not entstanden ist, scheint sich auf eine zuweilen absurde Art verselbstständigt zu haben.

Beobachter: Ausgerechnet dieses Relikt führt unter Wohnungsnachbarn immer wieder zu Sticheleien und Schikanen.
Schneider:
Was durchaus für die Abschaffung des Waschküchenschlüssels sprechen könnte – allerdings mit nicht vorhersehbaren Folgen. Ohne dieses begrenzte Kampfgebiet könnte der bisher ritualisierte Streit diffuse Formen annehmen und das ganze Klima in einem Mietshaus vergiften. Regeln bilden ein komplexes Netz: Beginnt man an einer einzelnen Masche zu zupfen, hat das möglicherweise Auswirkungen an anderen Stellen, mit denen niemand gerechnet hat.

Beobachter: Wie viele Regeln braucht der Mensch?
Schneider:
Es gibt kein absolutes Mass. Je häufiger und vielfältiger die Kontakte und Berührungspunkte zwischen Individuen und gesellschaftlichen Gruppierungen sind, desto grösser ist der Regelungsbedarf. Ansonsten könnte man ja davon ausgehen, die Zehn Gebote seien für das Zusammenleben ausreichend. Aber für den Alltag braucht es auch Regelungen, die nichts mit Moral zu tun haben.

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Beobachter: Zum Beispiel?
Schneider:
Mit keinem der Zehn Gebote ist geregelt, welchen Mindestabstand Wohnhäuser in der Stadt voneinander haben sollten. Und auch mit der Maxime «Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut» ist nicht geklärt, wem denn nun die Früchte gehören, die vom eigenen Baum in den Garten des Nachbarn fallen. Aber keine noch so gute Regelung ist eine Garantie für ihre sinnvolle Handhabung. So ist es durchaus denkbar, dass jemand sein Recht auf das Fallobst vor allem deshalb durch alle behördlichen Instanzen durchsetzen will, damit er die Früchte dem Nachbarn zuleid demonstrativ auf dem Komposthaufen verfaulen lassen kann.

Beobachter: Regeln sind aber unausweichlich.
Schneider:
Ja, selbst wenn man allein auf der Welt wäre, würde man vermutlich nicht am Tag schlafen, sondern in der Nacht – oder auch umgekehrt; aber wahrscheinlich nicht unvorhersehbar mal so, mal so. Aus zunächst eher naturwüchsigen Regelmässigkeiten werden kulturelle Regeln, die wieder andere nach sich ziehen und schnell ein mehr oder minder lockeres Geflecht ergeben.

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Beobachter: Auf der einen Seite plädiert man für mehr Freiheit, auf der anderen Seite schreit man nach noch mehr Regeln.
Schneider:
Das ist ein Widerspruch, der schon in den Regeln selber steckt – nämlich der Widerspruch von Freiheit und Gerechtigkeit. Jede Regel stellt den Versuch eines Kompromisses zwischen diesen beiden Werten dar. Je akzeptabler der Kompromiss, desto einsichtiger die Regel. Aber ein Missbehagen bleibt wie bei jedem Kompromiss. Und es gibt wohl kaum eine Freiheit, die nicht mit der eines anderen kollidiert.

Beobachter: Über viele Gesetzesvorlagen stimmt das Volk ab. Liegt es an unserem demokratischen Verständnis, dass wir Schweizer die Regeln besonders ernst nehmen? Also doch eine Art Sonderfall?
Schneider:
Der Bürger empfindet die Bürokratie möglicherweise als weniger fremdbestimmend, wenn er den Eindruck hat, an deren Regeln selber mitgewirkt zu haben. Aber es gibt auch das Ressentiment gegen «die da oben in Bern». Hier stossen zwei Tendenzen aufeinander: einerseits ein historisch gewachsenes demokratisches Selbstverständnis, andererseits die Ernüchterung durch die aktuelle Praxis. Dieser Konflikt erweitert die Ambivalenz gegenüber Regeln um eine zusätzliche Facette.

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Beobachter: Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?
Schneider:
Ich wünsche mir auch, dass der wieder mehr zur Geltung käme. Es ist sinnvoller, bei einem Gewitter frei stehende Bäume zu meiden, als eine Verordnung über die Anbringung von Gewitterwarntafeln an allen über drei Meter hohen, baumartigen Gewächsen in die Welt zu setzen. Viele Regelungen liessen sich durch schlichte alltagspraktische Vernunft und eine gewisse Selbstverantwortung mühelos ersetzen. Der Sinn aller Regeln ist ja, dass sie aus der unüberschaubaren Masse von Einzelfällen eine reduzierte Anzahl von Anwendungsfällen machen. Sie sollten also helfen, Komplexität zu reduzieren.

Beobachter: Stattdessen werden bei neuen Gesetzen aus gewissen Interessenkreisen sofort Rufe nach ergänzenden Vorschriften laut.
Schneider:
Sobald Regelungen die Kompliziertheit des Alltags, noch dazu auf unplausible Weise, nur noch weiter steigern, werden sie als Schikane empfunden. Man fühlt sich dann berechtigt, gegen sie seinen Anspruch auf ein Stück Individualität durchzusetzen. Manchmal, indem man verschiedene Regeln gegeneinander auszuspielen versucht oder sie durch besonders sture Einhaltung ad absurdum führt. Regelungen schützen einerseits vor individueller Willkür, andererseits können sie auch ein Instrument willkürlichen Querulierens werden. Um nicht zum Sklaven endlos wuchernder Regeln zu werden, muss man die unausweichliche Unvollständigkeit jedweder Regulierung anerkennen.

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